Ausstellung Kunst Museum Winterthur Reinhart
am Stadtgarten
vom 3.10.2020 bis 20.2.2021

«Modernité – Renoir, Bonnard, Vallotton»

 

Richard Bühler (1879-1967)

– Sammler ohne Sammlung


Für die Kunststadt Winterthur spielte er eine wegweisende Rolle. Er kam 1879 als Sohn des Textilindustriellen Hermann Bühler zur Welt und übernahm nach dessen Tod 1907 die Leitung der Spinnerei Bühler & Cie, zusammen mit seinem älteren Bruder. Neben dem Geschäft pflegte er aber noch weitere Interessen. Als Designer entwarf er Möbel, er plante Gartenanlagen und entwickelte ein Faible für Kunst. Für ganz spezielle Kunst: die französische Moderne. Für diese legte er sich ins Zeug.

 

 

plakat

Richard Bühler im Segelboot, 1911.

Von Giovanni Giacometti (1868-1933).

Privatbesitz.

 

 

Zu jener Zeit war die französische Moderne in der Schweiz noch kein Thema. Aber Richard Bühler fand in seiner Cousine >Hedy Hahnloser-Bühler eine begeisterte Verbündete. Durch die Vermittlung des in Paris lebenden Winterthurer Malers Carl Montag kamen die beiden mit den neuesten Trends in Kontakt, erkannten das Potenzial dieser neuen Kunstrichtung und erwarben die ersten Werke für ihre eigenen Sammlungen.

 

Als dann Bühler 1912 Präsident des Winterthurer Kunstvereins wurde, setzte er sich auch hier vehement für die französische Moderne ein und gab dem Museum damit die neue Richtung vor. Auch an der Planung und am Bau des Museums war er massgeblich beteiligt. Dieses konnte während seiner Präsidentschaft (1912-1939) im Jahr 1916 eröffnet werden.

 

So erfolgreich er für den Kunstverein Winterthur tätig war – so schlecht lief es für seine eigene Sammlung. Die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre zwang ihn, die erworbenen Werke nach und nach zu verkaufen. Der Grossteil ist heute im Besitz von Privaten und von internationalen Museum. Auch seine herrschaftliche Villa Bühlstein in Winterthur musste er 1935 verkaufen. Das Familienunternehmen Bühler wurde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, worauf er sich aus dem aktiven Geschäftsleben zurückzog. Richard Bühler verstarb am 14. Mai 1967 im Alter von 88 Jahren in Winterthur.

 

Die «Sammlung Bühler» existiert nicht mehr – von einigen Werken abgesehen, die noch im Besitz seiner Erben sind – aber an der Ausstellung «Modernité» im Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten ist nun eine ganze Reihe von Werken zu sehen, die einst von Bühler erworben wurden.

 

Sie werden mit Gemälden aus der Sammlung des Kunst Museums Winterthur ergänzt. Und dass dieses über einen stolzen Bestand an französischen Modernen verfügt – dazu hat Richard Bühler massgeblich beigetragen.

 

 

 

 

>Kunst Museum Winterthur

 

>Kunst Musem Winterthur Reinhart

 

>Villa Flora Winterthur

 

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Félix Vallotton (1865-1925).

Nu couché au tapis rouge, 1909.

Von Bühler erworben 1911.

Heute im Besitz der Association

des Amis du Petit Palais, Genève.


 

 

 

 

 

 

 

hodler

Ferdinand Hodler (1853-1918). Fröhliches Weib, 1911. Musée Jenisch Vevey.

 

 

1909: Bühlers erster Hodler-Kauf.

Zu Ferdinand Hodler hat Richard Bühler einen persönlichen Zugang. Der Künstler schickt ihm 1909 drei seiner neuen Werke, darunter zwei Versionen des «Fröhlichen Weibes».

 

Bühler kauft eine davon – aber nicht diese hier an der Ausstellung gezeigte (die vom Museum Jenisch Vevey stellvertretend zur Verfügung gestellt wurde), sondern die Version im Bild unten.

 

Hodler malt dieses Sujet in sieben Versionen. Sie zeigen alle eine fröhlich tanzende Frau. Die Bilder unterscheiden sich hauptsächlich in der Farbe des Gewandes und im Hintergrund, der einmal auch eine von Blumen übersäte Wiese zeigt.

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Ferdinand Hodler (1853-1918). Fröhliches Weib, 1909. Privat.
Foto Sotheby's.

 

Das von Bühler 1909 erworbene Gemälde hat museale Masse: 127 x 74 cm. In Bühlers Besitz bleibt es bis 1935, als er es aus finanziellen Gründen verkaufen muss. An einer Auktion der Galerie Fischer in Luzern geht es an die Galerie Rosengart, dann an die Sammlung Arthur Stoll, dann an deren Erben, und 1985 an die Galerie Kornfeld.

 

2011 wird es an einer Auktion bei Sotheby's versteigert und geht für 2.8 Mio Franken an einen privaten Besitzer.

 

 

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bonnard

Pierre Bonnard (1867-1947).
La promenade, 1917. Privatbesitz.

1910: Bonnard und die französische Moderne.

Den ersten Bonnard erwirbt Bühler schon 1910 – da ist die französische Moderne in der Schweiz noch kein Thema. Und für Schweizer Museen schon gar nicht. Aber Richard Bühler hat sich festgelegt: Für ihn ist das die neue Richtung, die er dem Kunstverein Winterthur vorgeben will, in dessen Vorstand er ab 1909 sitzt.

 

Das Inventarbuch des Sammlers Bühler weist nicht weniger als 29 Werke von Pierre Bonnard aus.

 

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kunstverein_winterthur

Bildnisgruppe Kunstverein-Vorstand, 1915.
Gemälde Ernst Würtenberger (1868-1934). Kunst Museum Winterthur.

 

1912: Präsident des Kunstvereins.

 

Richard Bühler gehört dem Vorstand des Kunstvereins Winterthur seit 1909 an; 1912 wird er dessen Präsident (bis 1939). Im Bild hier ist er sitzend links aussen zu erkennen.

 

Rechts aussen sitzend ein anderer bedeutender Winterthurer Sammler: >Arthur Hahnloser. Frauen haben damals in solchen Gremien nichts zu suchen, deshalb fehlt seine ebenso kunst-sachverständige Gattin Hedy Hahnloser-Bühler auf dem Bild. Diese organisiert in der >Villa Flora regelmässige Künstlertreffen. Hedy Hahnloser ist eine Cousine von Richard Bühler und selbst Malerin.

 

 

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Ferdinand Hodler (1853-1918). Abendruhe, 1904-05. Vom Kunst Museum Winterthur 1908 erworben.

 

Im Kunstverein und in der Öffentlichkeit bricht über die Anschaffung des Hodler-Bildes «Abendruhe» Streit aus. Die Wellen gehen hoch, die alte Garde bezeichnet das Bild als Geschmacklosigkeit, man spricht von Geldverschwendung.

 

Richard Bühler und Arthur Hahnloser setzen sich vehement für eine Neuorientierung ein, das heisst: für die moderne französische Kunst. Schliesslich wird das Gemälde 1908 erworben.

 

Bühler, eben neu in den Vorstand gewählt, hält an der Sitzung 1909 ein flammendes Plädoyer für Hodlers moderne Kunst. Arthur Hahnloser schreibt danach an Hodler: «Das eine haben wir aus dem Streit gelernt – das Publikum ist bei uns noch enorm rückständig».

 

 

   

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Giovanni Giacometti (1868-1933). Bildnis Richard Bühler im Segelboot, 1911. Privatbesitz.
 

Mäzen von Giovanni Giacometti.

Mit Giacometti pflegt Bühler eine lebenslange freundschaftliche Beziehung. Er besitzt ab 1918 ein Ferienhaus samt Bootsteg direkt am Silsersee, das er sich von Architekt Robert Rittmeyer hat bauen lassen. Robert Rittmeyer ist auch der Architekt des Kunstmuseums Winterthur.

 

Giovanni Giacometti bildet in diesem Gemälde Richard Bühler im Segelboot ab. Allerdings nicht nur als Segelsportler, sondern auch als Geschäftsmann – samt Krawatte. Der Künstler malt das Bild ohne Auftrag, Bühler kauft es ihm dann ab.

 

PS: Giovanni Giacometti ist der Vater des weltberühmten Alberto Giacometti.

 

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Félix Vallotton (1865-1925). Trois femmes et une petite fille jouant dans l'eau, 1907. Kunstmuseum Basel.

 

 

 

 

 

 
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Nu couché au tapis rouge, 1909. Ass. des Amis du Petit Palais, Genève.

 

Félix Vallotton (1865-1925).

 

Der Lausanner Vallotton präsentiert dieses Werk 1907 am Salon des Indépendants in Paris unter dem Titel «Baigneuses». Als Modelle sollen ihm Aufnahmen aus Männermagazinen gedient haben. Die Figuren wirken seltsam nüchtern und künstlich – und irgendwie provokativ. Proteste gegen das Bild bleiben denn auch nicht aus.

 

Für Richard Bühler, der das Bild 1917 kauft, stellt es eine «Form von Abstraktion» dar. Er und seine Cousine Hedy Hahnloser-Bühler empfinden diese «Nacktheit ohne inhaltliches Feigenblatt» und ohne akademische Deutungsmöglichkeit als einen positiven Tabubruch.

 

Ein paar Jahre zuvor – 1911 – erwirbt Bühler von Vallotton dieses auffällige Werk der «Nu couché sur tapis rouge». Ein bemerkenswerter Mix aus plakativ reduziertem Hintergrund und teils naturalistischer, teils idealisierter Hauptfigur. Avangardistisch ist vor allem der Blick der Dame – so selbstbewusst und aufreizend schaut die Weiblichkeit erst in den kommenden Goldenen Zwanzigern.

 

 

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Pierre-Auguste Renoir (1841-1919). Femme s'essuyant,
1912-14.
Kunst Museum Winterthur.

Pierre-Auguste Renoir (1841-1919).

Ein Kunstmuseum, das auf französische Moderne setzen will, muss doch seinem Publikum auch einen Renoir bieten können. Das denkt sich (vielleicht) Richard Bühler, als er sich für den Kauf dieses soft-verschwommenen Aktes stark macht. Nicht für seine private Sammlung, sondern für das brandneue Kunstmuseum, das 1916 in Winterthur eröffnet werden kann.

 

Die «Femme s'essuyant» wird mit Unterstützung des Winterthurer Galerievereins und einigen privaten Sponsoren 1917 erworben.

 

 

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Fotos der Ausstellung «Modernité»

 

   
   

 

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