Das Kloster Wettingen wurde vor rund 800 Jahren
(1227) als Zisterzienserkloster gegründet. Gestiftet
von Ritter Graf Heinrich II von Rapperswil.
Klosterkirche Wettingen, auch «Stella Maris».
Foto Museum Aargau.
Graf Heinrich II von Rapperswil war zwar kein Ordensmitglied der >Zisterzienser, aber was ihm an diesem Orden gefiel, war dessen Disziplin und vor allem, dass die Mönche in landwirtschaftlichen Dingen besonders leistungsfähig waren. Für ihn war eine solche Klosterstiftung deshalb attraktiv, weil sie Frömmigkeit mit handfesten Interessen verband: Der Stifter tat etwas für sein Seelenheil, gewann geistliches Prestige und band zugleich Land, Rechte und Einfluss dauerhaft an die eigene Familie.
Kloster Wettingen im Zentrum der Limmat-Halbinsel
aus der Luft gesehen. Foto Google Earth.
Die Klosteranlage von Süden gesehen mit den vorgelagerten Gärten. Radierung um 1710 von
Franz Strickler.
Die Geschichte des Klosters beginnt mit der Stiftung durch Graf Heinrich II von Rapperswil im Jahr 1227. Die ersten zwölf Mönche kamen aus dem Kloster Salem und machten sich an den Bau des Klosters auf der Limmathalbinsel. Zuerst entstanden Kirche, Teile des Konvents und Schutzmauern. Die Kirche wurde 1256 geweiht. Spätere bauliche Eingriffe folgten im 13., 16. und 18. Jahrhundert.
1507 verwüstete ein schwerer Brand das Kloster, es wurde bis 1517 wieder aufgebaut. Etwa um diese Zeit nahm die >Reformation unter Martin Luther ihren Anfang. In Zürich trat >Huldrych Zwingli in Aktion. Auch das Kloster Wettingen war von den Auswirkungen der Reformation stark betroffen. Die klösterliche Gemeinschaft fiel nach und nach auseinander und konnte nicht mehr im Sinne der Zisterzienser weitergeführt werden. 1529 trat ein grosser Teil der Mönche zum reformierten Glauben über und ging Ehen ein. Das klösterliche Leben kam zum Erliegen.
Nach der Niederlage der Reformierten im >Kappelerkrieg von 1531 und dem Tod des Zürcher Reformators >Huldrych Zwingli wurde das Kloster Wettingen dann wieder rekatholisiert.
Im 16. und 17. Jahrhundert erlebte das Kloster nochmals eine Blüte. Unter Abt Peter Schmid (ab 1594) entstanden neue Gebäude. Schmid stellte auch neue Regeln auf, um das klösterliche Leben wieder zu aktivieren. Dafür setzte er vor allem auf gute Ausbildung der Mönche und eröffnete 1624 eine Philosophie- und Theologieschule. Er lebte von 1559 bis 1633 und gilt heute als wichtigster Abt in der Zeit nach der Reformation.
Nach der Revolution von 1789 galt «Egalité, Fraternité, Liberté» – heisst: alle Menschen sollten die gleichen Rechte und Pflichten haben. Es folgten kriegerische Auseinandersetzungen. Napoleons Truppen kämpften im nahen Dietikon gegen Russen und Österreicher. Das Kloster Wettingen lag mitten im Kriegsgebiet und musste zahlreiche Offiziere aller Kriegsparteien – Franzosen, Österreicher, Russen – bei sich einquartieren.
Die >Französische Revolution brachte eine starke Ablehnung gegenüber der Kirche mit sich. Die Existenz von reichen Klöstern war vielen Revolutionären ein Dorn im Auge. Auch im Aargau wurde diese Denkweise nach und nach übernommen. 1841 beschloss der Grossrat in Aarau die Auflösung der aargauischen Klöster. Die Wettinger Mönche hatten 48 Stunden Zeit, um ihr Heim zu verlassen. Viele der Wettinger Zisterzienser fanden in Mehrerau bei Bregenz in Österreich eine neue Heimat.
Die Klosterhalbinsel ist heute ein Bildungs‑ und Museumsort. Ein grosser Teil der Gebäude und des Parks wird seit 1976 von der Kantonsschule Wettingen genutzt: Kreuzgang, Kapitelsaal (heute Aula), verschiedene ehemalige Klosterräume sowie zusätzliche Gebäude wie die Alte Spinnerei als Schultrakte. Spezielle Räume wie der ehemalige Pferdestall dienen als Musikhaus, der Westflügel wurde zu Schulzimmern umgebaut. Die Schöpfe im Westen fungieren als Proberäume und Aufführungsorte für Theaterproduktionen.
Das heutige Parlatorium
Das Parlatorium, um 1600 erbaut und einst einer der wenigen Räume, in denen Mönche sprechen durften, ist heute ein interaktiver Ausstellungsraum und ein Diskussionslabor. Museum Aargau lädt dort zu Gesprächen über Glaube und Wissen ein. Mit hunderten von Fragen über die Welt und den Sinn des Lebens, die von Schüler:innen der Kantonsschule gestellt und beantwortet (?) werden.
Das Kloster Wettingen ist vom 1. April bis 1. November geöffnet. Dienstag bis Sonntag 10.00 bis 17.00.
Montags geschlossen.
>Website Klosterhalbinsel Wettingen
Graf Heinrich II
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Ein Rapperswiler gründet das Kloster
Der Ritter Graf Heinrich II von Rapperswil gilt als Gründer des Klosters Wettingen. Er soll ab etwa 1231 als Laie im Kloster gelebt haben und 1243 zum Priester geweiht worden sein. Sein Tod wird auf 1246 datiert. Heinrich gehörte zum Geschlecht der Freiherren von Rapperswil, die in der Innerschweiz über Vogteirechte verfügten und politisch ziemlich einflussreich waren.
Warum in Wettingen?
Die Stelle in der Limmathalbinsel war für ein Kloster ausgezeichnet geeignet. Zugleich lag das Land im Einflussbereich Heinrichs II von Rapperswil, der dort bereits Güter und Rechte besass. Heinrich kaufte die Liegenschaft von den Herren von Dillingen. Die ersten Mönche kamen dann aus Salem.
Die legendäre Gründungsgeschichte
Heinrich gerät irgendwo auf hoher See in einem Sturm in Seenot. Er betet zur heiligen Maria und bittet sie um Rettung. Und verspricht, ihr ein Kloster zu widmen, falls sie ihn errettet. Da erscheint ein heller Stern am Himmel, die Wogen glätten sich, Ritter Heinrich überlebt ...und hält Wort: Er lässt 1227 in Wettingen ein Kloster bauen. Es trägt den Namen «Stella Maris» (Stern des Meeres). Allerdings entsteht die Legende erst um etwa 1500 – also knapp 300 Jahre nach der Gründung des Klosters. Stella Maris ist bis heute eine traditionelle Anrufung Marias als Beschützerin der Seeleute.
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Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux verfasste 1130 die Schrift «Lob des neuen Rittertums» im Umfeld der frühen Templer. Gemälde von Filippino Lippi, 1486. |
Mehr über den Zisterzienser-Orden
Charakteristisch für den Zisterzienserorden waren Bekenntnisse für Einfachheit, Strenge, Gebet und Arbeit. Die >Benediktinerregel wurde besonders konsequent ausgelegt. Heisst: Schlichte Liturgie, zurückhaltende Architektur, grosses Gewicht auf handwerkliche Arbeit und auf Selbstversorgung.
Der französische Mönch Bernhard von Clairvaux (1090-1153), prägte den Zisterzienserorden ganz massgeblich. Er sah die heilige Maria als eine der wichtigsten Figuren im Christentum. Sie spielte deshalb eine bedeutende Rolle bei den Zisterzienser-Mönchen. In seiner Schrift «Lob des neuen Rittertums» erhebt Clairvaux den christlichen Streiter, der für Jesus lebt und stirbt, zum Ideal eines gottgefälligen Kriegers.
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Grundriss der Klosterkirche.
Die barocke Ausstattung unter Abt Peter Kälin von 1751-1762.
Barocker Altar, entstanden unter Abt Peter Kälin 1751-1755. |
Entstehung des Klosters ab 1227
In der Chronik heisst es: «Die ersten zwölf Mönche kamen aus dem Kloster Salem und begannen mit dem Bau». Wie muss man sich das vorstellen? Waren das Baufachleute? Ja und nein. In erster Linie waren das Ordensleute, aber bei den Zisterziensern gehörten handwerkliche Arbeiten zum klösterlichen Alltag. Zudem waren auch Laienbrüder mit im Spiel und für komplizierte Aufgaben wurden lokale Handwerker angeworben.
Die ersten Bauarbeiten standen unter der Leitung des Salemer Priors Konrad, der ab 1227 für Wettingen zuständig war.
1227 Start mit Bau der ersten Klosterkirche
Der barocke Hochaltar mit integrierter Orgel wurde 1751–1755 in der Werkstatt Franz Anton und Conrad Kälin unter Abt Peter Kälin geschaffen. Im Mittelbild wird die Himmelfahrt Mariens dargestellt. Gedrehte Säulen, Voluten und Putten strukturieren die Architektur und binden den Orgelprospekt in die Altarwand ein, sodass Chorraum und Musik zu einer einheitlichen barocken Bildbühne verschmelzen.
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Gedenktafel für Pater Alberik Zwyssig (1808-1854).
Klosterhof mit Denkmal zu Ehren des Zisterzienser-Mönchs und Komponisten Alberich Zwyssig.
Bronzeplastik zu Ehren von Pater Zwyssig. Von Eduard Spörri (1901-1995), 1954.
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Der bronzene Engel für Pater Zwyssig
Und wer ist Pater Zwyssig? Kein Geringerer als der Komponist der Schweizer Nationalhymne («Trittst im Morgenrot daher...»). Er wirkte von 1821 bis 1841 als Pater im Kloster Wettingen.
Zwyssig kam 1808 am Vierwaldstättersee zur Welt. Zunächst war er in Wettingen Klosterschüler, Sängerknabe, dann Zisterziensermönch, Lehrer, Pater, schliesslich Stiftskapellmeister und Komponist.
Im Kloster Wettingen komponierte er 1835 eine Messe mit dem Graduale «Diligam te Domine» (=ein gregorianischer Zwischengesang innerhalb der Messe), deren Melodie später Grundlage für den «Schweizerpsalm» war.
Der bronzene Engel, der im Klosterhof zu Ehren von Pater Zwyssig zu schweben scheint, stammt vom Wettinger Bildhauer Eduard Spörri (1901–1995). Spörri entwickelte das Engelmotiv zu einem regelrechten Leitmotiv seines Oeuvres. Mehrere Skulpturen in Wettingen und Baden greifen Variationen dieses Engels auf.
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Kreuzgang Hof.
Kreuzgang innen mit Wappen-scheiben und biblischen Darstellungen.
Kreuzgang innen.
Heimsuchung Mariens. Christoph Brandenberg zugeschrieben, 1623/24.
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Kreuzgang: Kontemplation und Bildung
Der Kreuzgang des Klosters Wettingen ist speziell. Meist sind Kreuzgänge zum Hof hin offen, aber hier sind die Gänge geschlossen.
Die farbigen Glasscheiben im Kreuzgang hatten eine doppelte Funktion: Sie schmückten einerseits den Raum und transportierten zugleich biblische Botschaften. Die Mönche erlebten den Kreuzgang damit als einen Raum, in dem Liturgie und Alltagsleben aufeinander trafen.
Die Bilder in den Glasscheiben trugen auch zur Bildung der Mönche bei, denn sie enthalten biblische Szenen, Heilige, Stifter oder symbolische Darstellungen.
Im Südflügel des Kreuzgangs ist eine beispielhafte Glasscheibe zu sehen: Sie zeigt die Heimsuchung Mariens. Es ist eine symbolträchtige Begegnung zwischen Maria und Elisabeth. Maria geht ins Bergland zu Elisabeth, begrüsst sie und das Kind hüpft im Leib der Elisabeth, diese wird dabei vom Heiligen Geist erfüllt. (Lukas 1,39–56).
Mittelalterliche Wandmalereien
In einer kleinen Nische ist eine frühmittelalterliche Wandmalerei zu sehen. Die Sterne am Gewölbe inszenieren die Nische als Himmelsraum, wie man ihn aus mittelalterlichen Kapellenausmalungen kennt. Zusammen mit den (teils noch erkennbaren) Figuren und Ornamenten bildete die Nische eine visuelle Kulisse für Gebet und Meditation.
Die sternenbesetzte Decke und die Figurenreste gehören zu einem älteren Bildprogramm, das in Wettingen restauratorisch freigelegt wurde. Dieser Bereich stand räumlich und funktional in enger Beziehung zum Kreuzgang und zu den dortigen Glasmalereien, wurde aber als eigener Andachts‑ und Erinnerungsraum verstanden. Heute wird die Nische als wichtiges Zeugnis der frühmittelalterlichen Wandmalerei im Kloster Wettingen gepflegt.
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Blick auf das Kloster von Süden, Obstbäume.
Reben im Klosterpark.
Blick auf die Gemüsegärten.
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Klosterpark und Gemüsegarten
Zisterzienserklöster wie Wettingen legten grossen Wert auf Landwirtschaft und Eigenwirtschaft. Entsprechend waren Gemüsegarten, Kräutergarten und Obstbau integraler Bestandteil des klösterlichen Wirtschaftssystems.
Historisch diente der Garten der Selbstversorgung des Klosters: Gemüse‑ und Kräutergarten, Obstbau und Reben waren Teil der klösterlichen Landwirtschaft und versorgten die Gemeinschaft mit Nahrung und Heilpflanzen.
Der Abt hatte zusätzlich einen eigenen kleinen Privatgarten, daneben gab es den Kreuzganggarten als kontemplativen Raum.
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>Kirchenkunde und -Architektur
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