Ausstellung «Alberto Giacometti,
ein Jahrhundertkünstler im Kunsthaus»
Kunsthaus Zürich, 6.2. bis 6.9.2026
Unter diesem Titel läuft die Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Mit «reifem Werk» bezeichnet man Giacomettis Schaffensperiode ab den späten 1940er‑Jahren. Die Präsentation im Chipperfieldbau fokussiert vor allem auf die Phase nach 1945. Es ist auch die Zeit, in der er jene Werke schuf, die ihn weltberühmt machten: Seine dünnen, langgestreckten Figuren mit extremen Proportionen von stehenden Frauen und schreitenden Männern. Sie wurden zu seinem Markenzeichen.
Alberto Giacometti um 1959 in
seinem Pariser Atelier. Foto©Stiftung
Ernst Scheidegger-Archiv, Zürich.
Alberto Giacometti (1901-1966).
L'Objet invisible, 1934-35. Bronze
aus seiner Surrealismusphase.
Alberto Giacometti-Stiftung.
1935 schloss er seine surrealistische Phase ab. Nun wollte er wieder nach dem «lebenden Modell» arbeiten. Seine Surrealistenkollegen goutierten das gar nicht, sie warfen ihn aus der Gruppe. Jetzt begann seine Suche nach dem neuen Stil. Wie sollte er es anpacken, das «Leben» mit Gips oder Bronze darzustellen?
Alberto Giacometti (1901-1966).
Quatre Figurines sur base, 1950.
Alberto Giacometti-Stiftung.
Kleine Figürchen auf grossen Sockeln gehören zu seinen ersten Versuchen. Schliesslich fand er seinen eigenen, unverwechselbaren Stil mit den proportional verzerrten, überlangen und dünnen Plastiken. Die Reduktion spielte dabei eine grosse Rolle. Es ging nur noch um die Präsenz des Menschen, Details wurden vernachlässigbar. Giacometti wollte das eigentlich «Unsichtbare, aber Wesentliche» erfassen. Hat er sein Ziel erreicht?
Eher nicht, wie er selbst befand. Noch im Dezember 1965 – also kurz vor seinem Tod – klagte er, er werde das Ziel niemals erreichen, das er sich gesteckt habe. Nichts sei wirklich je fertig und er müsse täglich von vorn anfangen, weil jede Arbeit letztlich hinter seiner eigenen, inneren Vorstellung zurück bleibe.
Alberto Giacometti, Le Chien, 1951.
Alberto Giacometti-Siftung.
So blieb Alberto Giacometti zeitlebens ein
Suchender, ein am Boden Schnüffelnder. Und so
versteht man auch, dass der Künstler in seiner Bronze «Le Chien» von 1951 so etwas wie ein Selbstporträt erkannte. «Eines Tages sah ich mich so auf der Strasse. Ich war der Hund», soll er 1957 dem Schriftsteller Jean Gebet (1910-1986) anvertraut haben.
Titelbild
Alberto Giacometti (1901-1966).
Le Chien, 1951. Bronze.
Alberto Giacometti-Siftung.
Alberto Giacometti (1901-1966). Selbstbildnis, 1921. Öl auf Leinwand. Alberto Giacometti-Stiftung.
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1921: Frühe Selbstdarstellung
Alberto Giacometti als Zwanzigjähriger. Mit diesem Ölgemälde präsentiert er sich als eigenständigen Künstler. Ein Jahr später, 1922, schreibt er sich in Paris an der >Académie de la Grande Chaumière für Bildhauerei unter Antoine Bourdelle (1861–1929) ein. 1925 kommt er mit Surrealisten wie Joan Mirò, Hans Arp und Max Ernst in Kontakt. Der «Vater der Surrealisten», >André Breton, verschafft ihm den Zugang zur Surrealistengruppe.
>mehr über die Künstlerfamilie Giacometti
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Alberto Giacometti (1901-1966). Tête qui regarde, 1928. Gips. Alberto Giacometti-Stiftung.
Alberto Giacometti (1901-1966). L'Objet invisible, 1934-35. Bronze. Alberto Giacometti-Stiftung. |
1928: Surrealistische Werke
«Tête qui regarde» markiert in Giacomettis Werk den Moment, in dem er zu einer eigenständigen, radikal reduzierten Form der Plastik findet. Dieser Kopf leitet den Übergang zum Surrealismus ein. Die leicht gebogene Gipsplatte enthält zwei flache
1934: L'Objet invisible
Diese stilisierte Frauenfigur trägt auch den Titel «Hände, die Leere haltend». Oder eben: das unsichtbare Objekt. Alberto Giacometti schuf das Werk im Jahr nach dem Tod seines Vaters, der dem Künstler sehr nahe ging. Es ist eine rätselhafte Anspielung auf das Thema Tod und Leben, mit dem sich die Surrealisten oft und gerne befassten.
Seine Surrealisten-Kollegen empfanden das als Verrat. Bevor man ihn ausschliessen konnte, zog er sich aus der Gruppe zurück. Für Alberto Giacometti war es der Anfang für etwas Neues – für seinen eigenen, unverkennbaren Stil.
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Alberto Giacometti (1901-1966). Zwei stehende Frauen, 1948. Alberto Giacometti-Stiftung. |
1948: Die dünnen Frauenfiguren
Gegen Ende der 1930er-Jahre – also nach seiner surrealen Phase – konzentrierte er sich auf Köpfe und Büsten und arbeitete in Genf (wieder) nach dem Modell und der Natur. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1945) und seiner Rückkehr nach Paris begann die Phase mit seinen für ihn typischen, extrem dünnen und hoch aufgeschossenen Figuren in Bronze. Stehende Frauen, gehende Männer.
Für Giacometti wird «das tatsächliche Sehen
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Alberto Giacometti (1901-1966). L'Homme qui chavire, 1950. Vereinigung Zürcher Kunstfreunde. |
1950: Der taumelnde Mann
Erste Skizzen dazu entstanden schon 1947. Für die Skulptur modellierte Giacometti zunächst eine kleine Figur in Ton und Gips auf einer Drahtarmatur. Er arbeitete dann seriell an stehenden, gehenden und kippenden Figuren, die zwar immer schlanker und proportional verzerrter wurden – aber dennoch nicht in die Abstraktion kippten, das Figurative blieb.
Im Unterschied zu seinen stehenden Frauen und gehenden Männern thematisierte der Künstler in dieser Figur den Verlust der Stabilität. Als eine Art Methapher: Die Menschheit gerät aus dem Lot, sie droht zu kippen, – körperlich wie existentiell. Kunstkritiker aus jener Zeit sahen darin ein existenzialistisches Bild: Der Mensch ist auf sich zurückgeworfen, ohne Halt zwischen Sein und Nichtsein, im leeren Raum.
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Alberto Giacometti (1901-1966). Nu debout III, 1953. Alberto Giacometti-Stiftung. |
1953: Nu debout III
In dieser Zeit arbeitete Alberto Giacometti wieder konsequent nach Modell (meistens Annette, seine Gattin). Dieser stehende Akt III aus dem Jahr 1953 (Bronze, 54 cm hoch) gehört zu einer Vierergruppe. Typisch für den Künstler: Die sehr grob bearbeitete Oberfläche der Bronze.
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Alberto Giacometti (1901-1966). Grande Femme II, 1960. Bronze. Alberto Giacometti-Siftung.
Grande Femme II, 1960. Alberto Giacometti-Siftung. |
1960: Grande Femme II
Diese übergrosse Frauenfigur (Höhe 2.77 Meter) hätte Alberto Giacometti ursprünglich für die Chase Manhattan Bank in New York realisieren sollen. Geplant war eine Gruppe aus stehender Frau, gehendem Mann und einem grossen Kopf auf Sockel. Der Künstler war aber mit den Proportionen und der Wirkung der Figuren im Massstab der Hochhausarchitektur unzufrieden. Er testete die Figuren noch vor Ort und kam dann zum Schluss, dass die Skulpturen im Verhältnis zu den umgebenden Wolkenkratzern nicht überzeugend funktionierten. Er zog sich vom Auftrag zurück.
Die Nummer III findet sich in Lausanne im Musée cantonal, sie misst 2.35m. Die Nummer vier steht in der Fondation Beyeler in Riehen (Höhe 2.69 Meter). Von allen Grandes Femmes existieren noch weitere Güsse, die alle in Privatbesitz sind. Wie viele Güsse insgesamt noch existieren, ist nicht schlüssig dokumentiert, plausibel sind 6 bis 10 Abgüsse pro Modell.
Charakteristisch für die vier Grandes Femmes ist, dass sie nicht ganz so ausgemergelt daher kommen wie viele von Giacomettis ultradünnen Figuren. Es sind auch keine jugendlichen Frauenakte, sondern alterslose und irgendwie entsexualisierte Darstellungen. Vor allem bei der Grande Femme II fallen die schlaffen Brüste auf. Allen gemein sind die extrem grossen Füsse, eine schmale Taille und – für Giacomettis Stil der dünnen Figuren – die relativ weit ausladenden Hüften. |
Der Sammler George David Thompson, 1957. |
1965: Gründung der Giacometti-Stiftung
Die 1965 gegründete Alberto Giacometti-Stiftung verfügt heute über rund 800 Werke des Künstlers. Die Basis wurde von einem Amerikaner gelegt, der ab den 1940er-Jahren Giacometti-Werke sammelte. George David Thompson (1899-1965) stammte aus Pittsburgh und war ein wohlhabender Stahlindustrieller. In seinem Bestand waren über sechzig Skulpturen, mehrere Gemälde und Zeichnungen von Alberto Giacometti.
1962 verkaufte er seine Sammlung an den Basler Galeristen Ernst Beyeler. Das war die Basis für die Stiftung.
Nach der Gründung der Alberto Giacometti-Stiftung im Jahr 1965 wurde der Bestand durch Käufe und Schenkungen laufend ausgebaut. Heute sind die Werke in den Museen Kunsthaus Zürich, Kunstmuseum Basel und Kunst Museum Winterthur zu sehen.
>mehr über die Alberto-Giacometti-Stiftung (PDF)
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Weitere Werke in der Ausstellung
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>Giacometti-Ausstellung Kunsthaus Zürich 2016
>mehr über die Künstlerfamilie Giacometti
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