Ausstellung «Kirchner x Kirchner».

Kunstmuseum Bern. 12.9.25 bis 11.1.2026.

 

 

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)


Kirchner ist der berühmteste deutsche Expressionist.

Nun zeigt ihn das Kunstmuseum Bern von einer ganz besonderen Seite – als Ausstellungskurator. Kirchner
war es nämlich, der vor gut 90 Jahren seine eigene Retrospektive in der Kunsthalle Bern kuratierte.

 

 

 

 

Die Ausstellung von 1933 war mehr als eine Retrospektive – es war eine Art Selbstinszenierung des Künstlers. Sie bot ihm die einmalige Gelegenheit, der Kunstwelt zu zeigen, wie er seine – natürlich bedeutende – Rolle innerhalb der Moderne sah. Zumal ihm dies während seiner Zeit in der Künstlergruppe >Brücke
nicht wirklich gelungen war.

 

Für seine Retrospektive von 1933 durfte er nun die

Werke auswählen, ihre Hängung bestimmen und auch das Plakat entwerfen. Gemeinsam mit dem Leiter der Kunsthalle Bern, Max Huggler (1903–1994), gestaltete der Künstler auch noch den Katalog. Alles ziemlich ungewöhnlich.

 

 

Max Huggler, der Leiter der Kunsthalle Bern
und ab 1944 Direktor des Kunstmuseums Bern
um 1933. Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner.
Kunstmuseum Bern.

 


In der Ausstellung 2025 im Kunstmuseum Bern
versucht man nun, die Bilder ähnlich zu präsentieren wie 1933. So zeigt man seine Zeichnungen und Druckgrafiken in separaten Räumen und gewisse Bildpaare werden so gehängt wie vor gut 90 Jahren.

 

Das Highlight der Ausstellung sind die beiden grossformatigen Gemälde «Alpsonntag, Szene am Brunnen» und «Sonntag der Bergbauern», beides Monumentalwerke von rund vier Metern Breite.

 

Das erste erwarb 1933 das Kunstmuseum Bern – als einzigen Ankauf durch ein Museum zu Kirchners Lebzeiten. Das zweite, der «Sonntag der Bergbauern», war zunächst im Nachlass des Künstlers und wurde erst 1985 durch die Bundesrepublik Deutschland angekauft und dann – auf Betreiben des Bundeskanzlers Helmut Schmidt – im Bundeskanzleramt in Berlin installiert.

 

Dass es dem Kunstmuseum Bern nun gelungen ist,

dieses Werk vom Bundeskanzleramt in Berlin für eine Ausstellung nach Bern zu holen, ist eine bemerkenswerte Leistung, die Applaus verdient.

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

1925-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938).

Berglandschaft von Clavadel, 1925-27.

Museum of Fine Arts Boston.

 

 

 

 

Kurzbiographie
Ernst Ludwig Kirchner


Erna Schilling, Walter Kirchner und

Ernst Ludwig Kirchner vor dem Haus
«In den Lärchen», Frauenkirch/Davos, 1923.

Foto: Ausstellung Kirchner Kunsthaus Zürich 2017.

 


1880
Am 6. Mai kommt Kirchner in Aschaffenburg im bayrischen Bezirk Unterfranken zur Welt. Sein Vater ist Professor in Papierwissenschaft in Chemnitz.

1901
Kirchner beginnt ein Architekturstudium in Dresden, das er mit einer Diplomarbeit abschliesst. Architekt will er aber nicht werden.

1905
Zusammen mit Heckel, Schmidt-Rottluff und Bleyl gründet er die Künstlergemeinschaft >Brücke.

1911 zieht die Gruppe nach Berlin um. Sie verbringt die Sommermonate ab 1908 an den Moritzburger Seen und auf Fehmarn. 1913 löst sich die Künstlergemeinschaft wieder auf.

1912
Kirchner macht die Bekanntschaft mit Erna Schilling, die bis zu seinem Tod 1938 seine Lebensgefährtin bleibt.

1915
Kirchner meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg und erleidet dort einen Nervenzusammenbruch. Es folgen mehrere Sanitoriumsaufenthalte.

1917
Alkohol- und morphiumsüchtig übersiedelt er nach Davos und zieht sich später auf die Stafelalp zurück. Um 1921 bessert sich sein Gesundheitszustand, er malt wieder und stellt in Basel und Dresden aus.

1933
Hitler und die Nazis kommen an die Macht. Kirchner wird aus der Preussischen Akademie entlassen; im Zuge der Nazi-Aktion «Entartete Kunst» werden 639 Werke von Kirchner aus deutschen Museen entfernt.

1938
Aus Furcht vor einem Einmarsch der Nazis auch in die Schweiz zerstört Kirchner viele seiner Skulpturen und Druckstöcke. Am 15. Juni erschiesst er sich.

1945

Seine Lebensgefährtin Erna Schilling stirbt. Bis zu ihrem Tod betreut sie den gesamten Nachlass Kirchners.

 

 

 

 

 

>Kirchner Museum Davos

 

>Ausstellung Kirchner Kunsthaus Zürich 2017

 

>Ausstellung Kirchner Stuttgart 2018

 

>Kirchner und die Künstlergruppe «Brücke»

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1909-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Russisches Tänzerpaar, 1909. Farblitho auf Papier, Erbengemeinschaft Eberhard W.Kornfeld.

 

 

1912-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Grüne Dame im Gartencafé, 1912. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf.

 

 

1912-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Zwei weibliche Akte in Hochformat, 1912. Kunstmuseum Bern.

 

 

Kirchners Frühwerke

 

Während seiner Zeit in der Dresdner und Berliner Künstlergruppe >Brücke entwickelt Kirchner seinen expressionistischen Stil mit leuchtenden Farben und tanzenden Körpern.

 

Seine Motive findet er im Zirkus, in Tanzlokalen und Cafés. Diese Orte nutzt er als Bühne für seine mal lebensfrohen, mal melancholischen Werke, die das moderne Leben in einer Grossstadt widerspiegeln.

 

An der Grossstadt interessieren ihn aber auch nächtliche Strassenszenen und ganz besonders die modernen Strassenbahnen mit ihren Unter- und Überführungen, die er von seinem Atelierzimmer aus skizziert und malt.

 

Die Werke aus der Brücke-Zeit gelten als Höhepunkt
seines Schaffens. Viele überarbeitet Kirchner jedoch nach 1920 – manche versieht er sogar nachträglich mit einem früheren Entstehungsdatum, um zu «beweisen» das er der Erste war und andere von ihm abgekupfert haben.


Zu seinen Lieblingsmotiven gehören auch Akte, die der Künstler mit seinen Freundinnen inszeniert. Die Zwei weiblichen Akte entstehen um 1912. Das hochformatige Gemälde zeigt die Schwestern Gerda und Erna Schilling (stehend). Beide treten in Berlin als Tänzerinnen auf. Der Künstler engagiert sie als Modelle – es werden seine Lieblingsmodelle.

 

Erna Schilling wird seine Lebensgefährtin – und beinahe hätte er sie 1938 geheiratet.

 

Es ist eine tragische Geschichte. Als Kirchner nach seinem Nervenzusammenbruch im Ersten Weltkrieg 1917 zur Erholung in Schweiz zieht, kümmert sich Erna allein in Berlin um den Verkauf seiner Werke.

 

Kirchners Werke sind in dieser Zeit sehr gefragt, sie lassen sich gut verkaufen. Bis 1937, als die Nazis seine Arbeiten als >entartet diffamieren und rund sechshundert davon beschlagnahmen.

 

Kirchner leidet in Davos. Die Diffamierung macht ihm zu schaffen, zudem ist er morphiumsüchtig. Im Mai 1938 beantragt er bei der Gemeinde Davos das Aufgebot für die Heirat mit Erna Schilling, doch schon am 12. Juni 1938 zieht er dieses wieder zurück und tötet sich drei Tage später mit einem Herzschuss.

 

>mehr über Kirchners Zeit in der Schweiz

 

 

 

1923-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Alpsonntag, Szene am Brunnen, 1923-29. Detail. Kunstmuseum Bern.

 

1923-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Alpsonntag, Szene am Brunnen, 1923-29. Detail. Kunstmuseum Bern.

 

 

1923-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Sonntag der Bergbauern, 1923-26. Detail.
Bundesrepublik Deutschland.

 

1923-Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Sonntag der Bergbauern, 1923-26. Detail.
Bundesrepublik Deutschland.

 

 

Highlight der Ausstellung: Das Bildpaar
«Alpsonntag, Szene am Brunnen» und
«Sonntag der Bergbauern»

 

 

Der «Alpsonntag» wurde 1933 vom Kunstmuseum Bern erworben, der «Sonntag der Bergbauern» erst in den 1980er-Jahren durch die Bundessammlung der Bundesrepublik Deutschland. In der Ausstellung sind sie nun erstmals seit über 90 Jahren wieder zusammen zu sehen.

 

 

Kirchners Gemälde «Sonntag der Bergbauern» von 1923, ausgestellt 1933 an der Retrospektive in der Kunsthalle Bern, gelangte Mitte der 1980er Jahre aus dem Nachlass zunächst als Leihgabe und dann als Ankauf in die Bundeskunstsammlung und wurde für den Kabinettssaal des Bundeskanzleramts erworben. Der Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918-2015) spielte dabei eine zentrale Rolle. Er holte das Bild zunächst leihweise ins Kanzleramt und machte sich für den späteren Ankauf stark. Ohne seine Initiative wäre es wohl nicht in die Bundeskunstsammlung gelangt. Ihm ging es vor allem um eine symbolische Wiedergutmachung, nachdem die Nazionalsozialisten in den 1930er-Jahren dieses – und ähnliche Kunstwerke – als >entartet diffamiert hatten.


Helmut Schmidt (Kanzler von 1974-1982) setzte sich auch für andere Werke des Expressionismus und der Klassischen Moderne ein, so auch für Henry Moores «Large Two Forms», die er vor dem Kanzleramt aufstellen liess.



 

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Melancholie (Selfportrait with Erna). 1922. Farbholzschnitt
auf Papier. Kunstmuseum Bern.

 

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Sich überschlagende akrobatische Tänzerinnen, 1913. Farbholzschnitt auf Papier, Bündner Kunstmuseum Chur.

 

 

Zeichnungen und Druckgrafiken

 

Kirchner ist vor allem für seine expressionistischen und farbintensiven Gemälde bekannt und berühmt. Aber schon in der Retrospektive von 1933 in der Kunsthalle Bern zeigte der Künstler, welch grosse Bedeutung er seinen Zeichnungen beimass.

 

«Ich muss zeichnen bis zur Raserei, nur zeichnen. Nur arbeiten, arbeiten und an sonst nichts denken», wird er zitiert. Es ist Ausdruck einer obsessiven Hingabe ans Zeichnen.


Für seine Retrospektive von 1933 in der Kunsthalle Bern stellte er im Untergeschoss den Zeichnungen einen grossen Raum zur Verfügung – mit rund 130 Blättern. Diese sah er als Kern seines Werks.

 

Dazu präsentierte er parallel rund fünfzig Druckgrafiken. Für ihn stand die Druckgrafik auf einer Stufe mit der Malerei. Zitat: «Der Weg der Entwicklung (...) ist eine ununterbrochene logische Steigerung, die Hand in Hand geht mit der malerischen Entwicklung der Bilder».

 

Auch in der Ausstellung 2025 im Kunstmuseum Bern werden in zwei separaten Sälen nur Zeichnungen und Drucke präsentiert. Besonders eindrücklich sind Kirchners Farb-Holzschnitte.

 

 

>mehr in der Fotogalerie

 

Ernst Ludwig Kirchner
(1880-1938). Berglandschaft von Clavadel, 1925-27. Museum of Fine Arts Boston.

 

 

Ernst Ludwig Kirchner
(1880-1938). Schlittschuhläufer, 1924-25. Hessisches Landesmuseum Darmstadt.

 

 

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938). Seilspringen, 1929. Galerie
Henze & Ketterer, Wichtrach/Bern.
 

 

Kirchner ab 1917 in Davos

 

Der Nervenzusammenbruch, den er im Ersten Weltkrieg 1915 erleidet, führt zu Lähmungen und Zittern in den Händen, die das Malen erschweren. Als er im Januar 1917 in Davos ankommt, ist er auch noch alkohol- und morphiumsüchtig.

 

Bis 1921 überwindet Kirchner diese Abhängigkeiten weitgehend, seine Gesundheit stabilisiert sich und er malt wieder intensiv, inspiriert von den Alpen und vom Leben der Bauern. In dieser Phase werden seine Pinselstriche rhythmischer und formbetonter, was man seinen «neuen Stil» nennt. Dieser zeichnet sich durch klare Konturen und leuchtende Farben aus, oft mit «teppichartigen» Flächen.

 

Im Juni 1923 nimmt Kirchner an einer Ausstellung in der Kunsthalle Basel teil, was den Beginn einer Zusammenarbeit mit jungen Künstlern markiert, die zur Gründung der Basler Gruppe Rot-Blau führt. Für Kirchner entwickelt sich diese Episode aber wenig glücklich. >mehr

 

In den 1930er-Jahren verschlechtert sich der Gesundheitszustand des Künstlers wieder. Vor allem nach der Machtübernahme der Nazi im Jahr 1933. Kirchner spürt den politischen Druck, er erleidet Panikattacken, die Morphiumsucht kehrt zurück. Die Nachricht, dass über sechshundert seiner Werke aus deutschen Museen verbannt werden, lassen ihn verzweifeln.

 

Zusätzlich werden 1937 seine Arbeiten von den Nazis auch noch als >entartet diffamiert. Als im März 1938 Österreichs «Anschluss an das Reich» verkündet wird, befürchtet der Künstler, die Nazis würden auch in die Schweiz einmarschieren. Er zerstört viele Druckstöcke und Skulpturen und tötet sich am
15. Juni 1938 vor seinem Haus auf dem Wildboden bei Davos durch einen Schuss ins Herz.


 

 

 

Fotos Kirchner Kunstmuseum Bern 2025

 

 

>Saalheft Ausstellung Kirchner Kunstmuseum Bern 2025/26

 

>mehr über Ausstellungen im Kunstmuseum Bern

 

 

>Ausstellung Kirchner Kunsthaus Zürich 2017

 

>Ausstellung Kirchner Stuttgart 2018 «Die unbekannte Sammlung»

 

>Kirchner Museum Davos

 

>Kirchner und die Künstlergruppe «Brücke»