Flaming June – oder
Die Lovestory ohne Happyend


Es ist meine persönliche Lovestory mit einem wunderbaren Gemälde. Sie begann 2016 mit einem Besuch der Kunsthalle Hamburg. Dort blieb ich spontan vor einem Porträt hängen – einem meisterhaft gemalten Bild eines jungen Mädchens. «Biondina», erschaffen von einem Künstler, von dem ich noch nie gehört hatte.
Sein Name: Frederic Leighton.

 

Frederic Leighton (1838-1896).

Biondina, 1879. Kunsthalle
Hamburg.

 

 

Ein Jahr später traf ich wieder auf diesen Frederic Leighton, diesmal in London. Hier hatte er ab 1860 seinen Wohnsitz und sein Atelier. Heute ist es ein prächtiges Museum aus der viktorianischen Epoche. In solchen «Wohnsitz-Museen» hängen meist nicht die besten Werke des Künstlers, das war auch hier so.

 

Aber kurz vor meinem Besuch 2017 fand hier eine Ausstellung statt. Thema: Leightons berühmtestes Bild, die FLAMING JUNE. Hier sah ich sie zum ersten Mal, aber nur auf dem Cover des Katalogs...

 

 

Frederic Leighton (1838-1896). Flaming June, 1895.

 

 

Das Bild packte mich. Was für eine sinnlich-erotische sleeping beauty! Im Original knapp verpasst, denn die Ausstellung war eben zu Ende gegangen...

 

Aber ich wollte das Bild unbedingt im Original sehen. Irgendwo muss diese Flaming June ja normalerweise hängen, dachte ich. Vielleicht in der National Gallery? Oder in der Tate? Beides Fehlanzeigen, hier wusste niemand etwas von einer Flaming June.

 

Zuhause recherchierte ich dann weiter. Das war ein Schock: Die Flaming June ist gar nicht mehr in England – sie hängt heute in der Karibik! Genauer: Auf Puerto Rico, auf dieser Karibik-Insel, die mit den USA assoziiert ist. Im Museo de Arte de Ponce.

 

Das war mir dann doch zu weit weg. Aber irgendwann, dachte ich, werde ich vielleicht mal in der Gegend sein. Dann werde ich sie besuchen, meine Flaming June. Und tatsächlich, zehn Jahre später, 2026, war ich «in der Gegend». Auf einer Kreuzfahrt in der Karibik.

 

Auf dem Routenplan unseres Schiffes gab es einen Hafen namens Cabo Rojo. Google Maps spuckte den Namen sofort aus und ortete ihn ...auf Puerto Rico! Wow! Das wars! Nun würde ich meine Flaming June sehen.

 

 

Und wieder verpasst

 

Dann der Frust, als ich erfuhr, dass das von unserem Schiff angelaufene Cabo Rojo gar nicht jenes auf Puerto Rico war, sondern eines in der Dominikanischen Republik. Zwar kamen wir auf unserer Reise noch in die Nähe von Puerto Rico, aber schliesslich dampften wir schnöde an der Insel vorbei. Das wars dann mit meiner Flaming June.

 

Nicht jede Lovestory endet eben im Happyend. Heute tröste ich mich damit, dass auch ein Bild von einem Bild etwas Vollwertiges sein kann.

 

>Bild der Flaming June (als PDF)

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)

Frederic Leighton (1838-1896). Flaming June, 1895.
Museo de Arte, Ponce, Puerto Rico.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frederic Leighton (1838-1896) um 1895.

 

Wer ist Frederic Leighton?

 

In der Schweiz kennt man ihn kaum – aber in England ist er ein ganz Grosser. Auch die englische Queen Victoria (1819-1901) muss von ihm begeistert gewesen sein: Als sie eines seiner Bilder an der Ausstellung von 1855 der Royal Academy sah, kaufte sie es auf der Stelle. 1878 erhob sie ihn in den Ritterstand. Er war auch Präsident der Royal Academy, Offizier der Ehrenlegion, Mitglied der Académie des Beaux-Arts und Träger des Orden «Pour le Mérite».

 

>mehr über Frederic Leighton

 

 

Leighton House, London – heute ein Museum.

 

 

 

Die Flaming June im Atelier um 1895.

 

 

Das Leighton House London

 

Der ehemalige Wohnsitz samt Atelier des Künstlers an der Holland Park Road in London ist heute ein Museum. Es enthält neben Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen auch Sammelobjekte, die Leighton auf seinen Reisen zusammengetragen hat.

 

Das Haus, ab 1860 für über 30 Jahre sein Wohnsitz, steht seit 1927 unter der Obhut des Royal Borough of Kensington and Chelsea. Das schöne Haus wurde nach Leightons Vorgaben erbaut und entspricht dem Geschmack der späten viktorianischen Ära.


Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude zweimal durch Bomben beschädigt. Die Rekonstruktion der Innenräume im Originalzustand zu Leightons Zeiten begann in den 1980er Jahren. Erst um 2010 war es vollständig saniert und restauriert.

 

In diesem Haus ist auch die Flaming June entstanden, heute Leightons berühmtestes Werk. Wie Archiv-Bilder belegen, war sie eine zeitlang dort im Atelier aufgestellt. 2016 kehrte die Flaming June wieder an ihren Entstehungsort zurück – aber nur für kurze Zeit: vom 4. November 2016 bis 2. April 2017 für eine Ausstellung unter dem Titel Flaming June: The Making of an Icon.

 

 

>mehr über Leighton House, London

 

 

   

 

Studie 1 für Flaming June, die Körperhaltung, 1894.

 

 

Studie 2, das Kleid der Flaming June, 1894.

 

 

Flaming June,
das «wertlose» Gemälde. Der Rahmen brachte immerhin
60 Pfund...

 

Das Gemälde
misst 119x119cm,
mit Rahmen 175x171cm.

 

 

 

 

 

 

Die spektakuläre Geschichte
der Flaming June

 

Eines der letzten Gemälde von Frederic Leighton, sicher das letzte, das er 1895 in der Royal Academy ausstellte. Das Bild wurde gefeiert. Besonders die «komplizierte Linienführung der Schlafenden», die «sinnlich-erotische Darstellung», die formale Vollendung und die idealisierte Schönheit. Für viele Kritiker war das Werk der späte Höhepunkt im Schaffen des bereits hoch geehrten Präsidenten der Royal Academy.


Doch die Begeisterung klang schon bald ab. Das Bild im viktorianischen Stil passte nicht mehr in die Zeit, die sich dem Impressionismus und dem Post‑
Impressionismus zugewandt hatte.

 

Schliesslich «verschwand» das Gemälde aus der Öffentlichkeit und tauchte erst um 1960 herum wieder auf – in einem Trödlerladen im Londoner Stadtteil Battersea. Dorthin hatten es Bauarbeiter gebracht, die das rund 175x171cm grosse Gemälde in einem Abbruchobjekt gefunden hatten. Der Händler gab ihnen dafür 60 Pfund – soviel war ihm der vergoldete Rahmen wert, die «alte viktorianische Malerei» dagegen hielt er für wertlos.

 

Das Bild gelangte dann irgendwie an den Londoner Kunsthändler Jeremy Maas, der auf viktorianische Malerei spezialisiert war. Jeremy Maas bot das Werk mehreren britischen Museen an, auch der Tate. Aber kein Mensch wollte das Bild. Weil damals die viktorianische Akademie-Malerei als hoffnungslos out galt.

 

Schliesslich fand die Flaming June aber doch einen Käufer: Luis A. Ferré, ein Industrieller und Politiker aus der Karibikinsel Puerto Rico. Er war auch der Gründer des Museo de Arte de Ponce und 1963 unterwegs in Europa, um für sein Museum passende Werke zu finden. Beim Kunsthändler Jeremy Maas erwarb er die Flaming June für lumpige 2000 Pfund – ein Schnäppchenpreis für ein Werk, das heute im hohen Millionenbereich gehandelt würde. Wenn es denn auf dem Markt wäre.

 

Aber nun hat es seinen festen Platz in der Karibik.
Auf Puerto Rico im Museo de Arte de Ponce. Und dort ist die Flaming June das absolute Highlight und das Aushängeschild des Museums.

 

>Movie: Die Flaming June in Ponce

 

 

 

Museo de Arte de Ponce, Puerto Rico.

 

Luis A. Ferré (1904-2003).

 

Die Insel Puerto Rico in der Karibik.

 

 

 

 

Museo de Arte de Ponce, Puerto Rico

 

Puerto Rico ist (noch) kein US-Bundesstaat, aber ein assoziierter Freistaat, der zum Commonwealth der USA gehört.

 

Das Kunstmuseum von Ponce wurde von
Luis A. Ferré (1904–2003) gegründet. Er war ein Ingenieur, Industrieller, Politiker und Patron der Künste. Als Sohn eines kubanischen Immigranten wurde er Gouverneur von Puerto Rico.

 

1957 begann er mit dem Ankauf von Kunstwerken. Das Museum öffnete seine Pforten am 3. Januar 1959 in einem Kolonialhaus in Ponce.

 

Das heutige Museumsgebäude stammt aus dem Jahr 2010. Die Sammlung des Museums umfasst rund 4'500 Kunstwerke und ist bekannt für barocke, präraffaelitische und viktorianische Malerei sowie für lateinamerikanische Kunst.

 

 

>mehr über das Museum von Ponce