Marc Chagall (1887-1985).

 

Als Sohn eines orthodoxen jüdischen Vaters,

der in einer Fischhalle in Witebsk arbeitet (heute Weissrussland), ist er nicht auf Rosen gebettet. Er will bloss weg. Im Alter von 20 Jahren zieht er nach St. Petersburg. «Mit meinen 27 Rubeln in der Tasche, den einzigen, die ich im Leben von meinem Vater für die Reise erhielt, verschwinde ich, immer noch rosig und voller Locken...», sagt er in seiner Biographie.

 

In St. Petersburg erhält er eine mehrjährige Ausbildung in der Kaiserlichen Gesellschaft für Kunst. Er kann zwei Bilder verkaufen. Gerade Geld genug, um nach Paris weiter zu reisen.

 

 

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Marc Chagall, ca. 1915.
Von Yehuda Yury Pen (1854-1937).
Quelle: Art Belarus, Minsk. Wikipedia.

 

 

1910 bezieht er in Paris sein erstes Atelier in der Nähe des Gare Montparnasse. Dann wohnt er in einer Künstler-Siedlung, wo er auf Maler wie Delaunay, Léger, Modigliani trifft.

 

Er macht sich mit dem Kubismus vertraut. «Kubismus ist die Sprache, in welcher sich die Magie der Welt ausdrücken lässt», sagt er. Ein Kubist im eigentlichen Sinn wird er aber nicht. Was dann? Ein Naiver? Eher ein Surrealist? Er bleibt zeitlebens schwer einzuordnen.

 

1913 nimmt er noch am Herbstsalon in Berlin teil, ein Jahr später muss er aber aus familiären Gründen nach Russland reisen – und wird vom Ersten Weltkrieg überrascht. Er kann nicht mehr zurück. Die in Berlin gemalten Bilder sind für ihn verloren.

 

Von der Russischen Revolution 1918 ist er begeistert – und die Revolutionäre offenbar von ihm. Sie ernennen Chagall zum «Kommissar der bildenden Künste» in Witebsk. Dort gründet er eine Schule für moderne Kunst. Die neue russische Regierung kauft ihm zwölf Gemälde ab.

 

Aber er vermisst Paris. 1923 reist er wieder an die Seine und lässt sich dort nieder. 1937 wird er französischer Staatsbürger. In diesem Jahr werden seine Werke in Deutschland von den Nazis als «entartet» gebrandmarkt und beschlagnahmt.

 

1941 nimmt er eine Einladung des MoMA New York an. Es folgen Retrospektiven in New York und Chicago.

 

 

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Marc Chagall, 1941.
Photo©Carl van Vechten (1880-1964).
Public Domain Wikipedia.

 

 

1948 kehrt er nach Paris zurück. Für immer. Mal abgesehen von den vielen Reisen, die ihn an seine Ausstellungen und Retrospektiven führen. Von Basel bis Tokio und von Rom bis New York. Die letzte grosse Ehrung findet in seinem Todesjahr 1985 statt: in der Royal Academy of Arts in London.

 

Marc Chagall stirbt am 28. März 1985 im Alter von fast 98 Jahren in Saint-Paul-de-Vence. Auf dem dortigen Friedhof ist er auch beerdigt.

 

 

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Titelbild (Ausschnitt)
Marc Chagall (1887-1985).

Au-dessus de Witebsk, 1922.

Kunsthaus Zürich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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La Naissance, 1910. Kunsthaus Zürich.

1910: Schlüsselwerk aus der Frühzeit.

In einem seiner frühen Bilder («La Naissance, 1910») hält er die Geburt seines jüngsten Bruders fest. Eine düstere Stimmung, die Mutter halbnackt, der schreiende Säugling, das blutige Laken. All das muss den Künstler tief beeindruckt haben.

 

ichunddasdorf

Ich und das Dorf, 1911. MoMA,
New York.

1911: Ich und das Dorf.

Sein Dorf hat er schon lange verlassen, als er dieses Bild in Paris malt. Vielleicht ist es ein Heimwehbild – es wurde zu einem seiner bekanntesten Werke.

 

Immer wieder hat man versucht, seine Tiere und Figuren als Symbole einzuordnen. Die Kuh und der Baum für das Leben, der Hahn für die Fruchtbarkeit usw. Chagall selbst hat dies stets verneint. Er habe keinen Symbolismus beabsichtigt. Wenn das andere für ihn tun wollen, dann sei das okay.

 

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A la Russie,
1911. Centre
Pompidou, Paris.

 

Ist er der «Vor-Surrealist»?

Chagalls Freund, der Schriftsteller Guillaume Apollinaire, hat viele seiner Werke als «übernatürlich» bezeichnet.

 

Der Surrealismus als Stil kam erst später auf, in den 1920er-Jahren, der Name geht aber auf Apollinaire und André Breton zurück und wird dann auf Salvador Dalì, René Magritte, Joan Mirò u.a. angewendet. Dieses Bild «A la Russie aux ânes et aux autres» entstand schon 1911 und hängt heute im Centre Pompidou in Paris.

 

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L'autoportrait
aux sept doigts,
1912-13.
Stedelijk Museum Amsterdam.

 

 

1912: Das Selfie mit den sieben Fingern.

 

Sein erstes grosses Selbstbildnis. Es zeigt seine Zerissenheit in den zwei Welten: sein heimatliches Dorf Witebsk im Hintergrund, aber auch der Eiffelturm von Paris sind festgehalten.

 

Der Kopf des Künstlers ist kubistisch dargestellt. Seiner Hand hat er sieben Finger verpasst. Ist für Chagall die Sieben eine magische Zahl? Oder war es nur eine Laune? In seiner Heimat war die Sieben eine Glückszahl. Drückt er damit das Glück aus, dass sich sein Traum, Maler zu werden, erfüllt hat?

 

 

1914: Vor dem Ersten Weltkriegs muss er aus familiären Grund nach Russland zurück. Er wird Kommissar der bildenden Künste in Witebsk.

 

1923: Chagall zieht es wieder in die Künstlerstadt Paris.

 

 

lovers
Lovers, 1925. Stedelijk Museum Amsterdam.

 

 

1923: Romantische Szenen.

Chagalls kubistische Phase ist nun definitiv passé. In seiner zweiten Pariser Phase malt er Serien von Zirkusszenen und romantischen Bildern mit Liebenden.

 

Und in allen kommt der Vogel Chagall vor. Mal ist es eine Taube, mal ein farbiges Huhn, mal ist er nur angedeutet – aber er gehört in jedes Bild. Auch auf dem Gemälde «Lovers», das zwei sich liebende Frauen im Mondschein zeigt, erscheint das Vögelchen. Dezent oben links, in einer fein punktierten Linie.

 

madonna-mit-dem-schlitten

Madone au
traîneau, 1947.
Stedelijk Museum Amsterdam.

 

1947: Madonna mit dem Schlitten.

In diesem Gemälde verarbeitet Chagall eine ganze Menge von einzelnen Erinnerungen an seine Jugendzeit in Witebsk. Die ländliche Umgebung, das Dorf, Esel, Ziegen, Hahn – und dazu die heilige Jungfrau mit dem Kind, Jesus mit dem Heiligenschein.

 

Das Ganze in kindlich-naiver-expressiver Malkunst.
War da ein wenig Heimweh im Spiel?

lesamoureux

Les Amoureux
en gris,1956-60.
Kunsthaus Zürich.

 

 

1956: Verspielt und sinnlich.

Chagall ist schon um die 70, als er dieses verträumte, verspielte und sinnliche Bild malt. Fast schon übersinnlich. Ein Liebespaar, roter Mond, mit Palmen und Vogel, mit Blumen und Kerzen.

 

Es entstand zwischen 1956 und 1960 und heisst
«Les amoureux en gris». Es kann im Kunsthaus Zürich bewundert werden.

 

fenster

Chagall-Fenster im Zürcher Fraumünster.

 

 

1965-1970: Die Kirchenfenster in Zürich.

Für den aus dem 13. Jahrhundert stammenden Chor gestaltet Chagall von 1965-1970 insgesamt fünf Fenster. Im Bild die drei Hauptfenster: Das blaue Jakobsfenster, das grüne Christusfenster und das gelbe Zionsfenster. >mehr

 

Schon 1962 konnte Chagall Glasfenster für Jerusalem gestalten, weitere 1964 für die UNO und 1974 für die Kathredrale von Reims.

 

 

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Werke von Chagall in diversen Museen.

 

Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam

 

zirkusreiterin

L'écuyère 1931.
Stedelijk Museum Amsterdam.

 

Chagall, Picasso, Mondrian.

Die Ausstellung, die vom 21.9.19 bis 2.2.20 im

>Stedelijk Museum stattfand, zeigte tatsächlich ein paar Picasso und Mondrian – aber der Superstar in dieser grossartigen Show war eindeutig Marc Chagall. Sie zeigte einen Querschnitt durch alle seine Phasen: von akademisch über kubistisch bis romantisch-naiv. Eine sensationell schöne Ausstellung.!

>Fotogalerie Ausstellung Amsterdam

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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