Dresden:
Abenteuer Semperoper.


Nur wenigen Architekten ist es vergönnt, in ihrem Leben zweimal am selben Ort ein Opernhaus zu bauen. Gottfried Semper heisst der Mann, dem das zuteil wurde. Seinen ersten Bau realisierte er 1838-1841, doch der brannte 1869 ab.

 

 

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Zeitgenössische Darstellung des Brandes von 1869.

Foto ©Broschüre Semperoper, Verlag Schöning.

 

 

Bereits 70 Jahre alt, begann Gottfried Semper dann mit der Planung für jenen Bau, der bis heute eines der Wahrzeichen von Dresden ist. 1878 wurde er fertig. Doch auch dieser wurde zerstört. Diesmal durch alliierte Bomben, die am Ende des Zweiten Weltkrieges, im Februar 1945, Sempers zweites Werk so stark beschädigten, sodass es als Opernhaus nicht mehr verwendbar war.

 

Aber die Dresdner gaben nicht auf. In den 1950er-Jahren organisierten sie eine öffentliche Spendenaktion, um die Reparaturen an Dach und Fassade zu finanzieren. Bald stellte sich aber heraus, dass das nicht genügte. Das Gebäude entsprach in seinen Funktionen nicht mehr den Anforderungen an ein modernes Opernhaus. Man entschloss sich nun, die historische Hülle zu erhalten und im Innern alles umzukrempeln. 1977 erhielt der Architekt Wolfgang Hänsch den Auftrag, den Zuschauerraum neu zu konzipieren und die Sichtverhältnisse für das Publikum zu verbessern. Das erreichte man mit der Reduktion der Plätze von 1700 auf 1300. Zudem wurde das Bühnenhaus um zwölf Meter drastisch erweitert.

 

 

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Semperoper an der Elbe, Theaterplatz mit Reiterdenkmal für König Johann von Sachsen.

Foto ©Broschüre Semperoper, Verlag Schöning.

 

 

Die Wiedereröffnung legte man genau auf jenen Tag, an dem vor 40 Jahren die Bomben fielen: auf den 13. Februar 1985. Sie wurde mit der Aufführung «Der Freischütz» von Carl Maria von Weber gefeiert.

 

Der richtige Name des Hauses wäre eigentlich: «Opernhaus der Sächsischen Staatsoper Dresden» – aber wer will sowas Sperriges verwenden, wenn sich «Semperoper» schon weltweit durchgesetzt hat.

 

 

 

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Denkmal Gottfried Semper auf der
Brühlschen Terrasse Dresden.
Foto ©Westerdam, WikiCommons.

 

 

 

 

 

 

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Die 1878 fertig gestellte Semperoper.

 

 

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Das Hauptportal mit Schiller- und Goethe-Statuen und einer Quadriga an der Spitze.

Sempers zweiter Streich.

Nachdem das erste Opernhaus 1869 abgebrannt war, machte König Johann von Sachsen (1801-1873) 500.000 Taler für einen Neubau locker. Zunächst war Gottfried Semper als Architekt nicht erwünscht, da er in Sachsen in Ungnade gefallen war: Er hatte am gescheiterten Maiaufstand 1849 teilgenommen und musste nach Zürich flüchten. Zudem war er jetzt auch noch mit dem Bau des Wiener Burgtheaters beschäftigt. Aber die Dresdner Bevölkerung wollte ihn und keinen anderen. Als dann über tausend «Kunstfreunde Dresdens» sich in einer Petition für Semper stark machten und die sächsische Regierung ihren Bann aufhob, lenkte auch Semper ein und übernahm den Auftrag.

 

Für den Entwurf der neuen Oper griff er auf Pläne zurück, die er bereits vorher für den Bau eines Münchner Wagner-Festspielhauses ausgearbeitet hatte, das aber nie realisiert wurde.

 

Die Bauleitung für die neue Semperoper übernahm sein Sohn Manfred Semper (1838-1913). Die Arbeiten dauerten von 1871-1878.

 

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Die Panther-Quadriga.

Panther statt Pferde.

Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass diese Quadriga auf der Spitze des Hauptportals eine ganz spezielle ist: Nicht Pferde ziehen den Wagen von Dionysos und Adriane, sondern vier Panther! Das Werk stammt vom einheimischen Bildhauer Johannes Schilling (1828-1910). Einer seiner ersten Auftraggeber war Gottfried Semper. Von Schilling stammt auch das Reiterstandbild von König Johann von Sachsen auf dem Theaterplatz.

 

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Fakes als feinste Handwerkskunst.

Prächtig geschmückte Vestibüle (Treppenhallen) empfangen die Opernbesucher. Kreuzgewölbe und Deckengemälde mit mythologischen Szenen erinnern an italienische Opernhäuser. Ebenso die exklusiven grün-marmorierten Marmorsäulen.

 

Bei einer geführten Besichtigung des Hauses erfährt man dann allerdings, dass hier weit und breit kein Marmor verbaut wurde – die Säulen sind Fakes! Sie bestehen aus Ziegelsteinen und Gips, sind jedoch allerfeinste Handwerkskunst. Man hatte grösste Mühe, genügend Künstler zu finden, die in der Lage waren, diesen grünen Mörtel herzustellen und zu applizieren. Aber jetzt glänzt er wie Marmor und erfreut das Auge.

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Fotos Semperoper

Gottfried Semper, vom König vertrieben – vom Volk geliebt.

 

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Gottfried Semper, 1848. Stich Franz Hanfstaegl (1804-1877).

 

 

 

 

Gottfried Semper (1803-1879).

Er kommt in Hamburg zur Welt. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums studiert er ab 1823 an der Univerität Göttingen Mathematik und Geschichte. Dann schreibt er sich in der Architekturklasse der Kunstakademie München ein, findet aber kein grosses Interesse an der Kunst. 1826 prügelt er sich mit dem Dichter Harro Harring und muss nach Paris fliehen. Dort kommt er in Kontakt mit den Architekten Hittorf und Gau, arbeitet an mehreren Studienentwürfen. Ab 1828 ist er Volotär beim Hafenbau von Bremerhaven, kehrt zurück nach Paris und erlebt dort die Julirevolution 1830, von der er begeistert ist. Weiter gehts nach Italien und Griechenland, er nimmt in Athen an archäologischen Forschungen teil. In Rom erhält er vom Bankier Conrad Donner 1833 den Auftrag für den Bau eines Privatmuseums: Es ist ein Pavillon für eine Skulpturensammlung – sein erster Museumsbau.

 

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Gemäldegalerie im Zwinger, die nach Plänen Sempers 1855
von Baumeister Karl Moritz Haenel fertiggestellt
wird.

1834: Professor für Baukunst in Dresden.

An der königlichen Akademie der bildenden Künste wird er zum Professor berufen. Von König Johann bekommt er die sächsische Staatsbürgerschaft. 1837 legt er die Entwürfe für ein Hoftheater vor. Dieses wird 1841 eröffnet, brennt dann aber 1869 ab. Nächstes Projekt in Dresden ist die >Gemäldegalerie im Zwinger. Die Bauarbeiten beginnen 1847, aber schon 1849 muss Semper aus Dresden fliehen, weil er am Maiaufstand teilnimmt. Das Volk kämpft um eine Verfassung, der Aufstand wird niedergeschlagen. Gegen Semper wird ein Steckbrief erlassen, der bis 1863 in Kraft bleibt.

 

ETH-Zuerich

ETH Zürich, Foto Baugeschicht-
liches Archiv
Zürich.

1858-1864: Bau der ETH in Zürich.

Nach seiner Flucht aus Dresden arbeitet Semper in Paris und London, zieht dann nach Zürich. 1855 wird er Professor für Architektur am Polytechnikum (die spätere ETH, eidg. technische Hochschule). Nach Sempers Plänen wird diese von 1858-1864 erbaut. Auch die ETH-Sternwarte (nicht die Urania-Sternwarte) stammt von ihm.

 

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Die neue Oper nach Plänen von Gottfried Semper. Baumeister ist sein Sohn Manfred Semper.

1871-1878: Semperoper in Dresden.

Eigentlich ist Semper die Lust auf Dresden vergangen, nachdem man ihn 1849 aus der Stadt verbannt hatte. Aber das Volk will ihn zurück. Schliesslich willigt er ein, die neue Oper zu planen. Dafür verwendet er teilweise Pläne, die er für ein Münchner Projekt schon gezeichnet hatte: Für ein Wagner-Festspielhaus. Er dirigiert den Bau aus dem «Exil» in Zürich und Wien. Baumeister ist sein Sohn Manfred Semper (1838-1913). Die Arbeiten dauern von 1871 bis 1878.

 

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Kunsthistorisches Museum Wien.
Erbaut von 1870 bis 1890.

 

 

Burgtheater, Wien. Erbaut von 1874-1888.

1869-1876: Grosse Bauten in Wien.

Kaiser Franz Josef I erteilt ihm den Auftrag, einen Vorschlag für Neubauten an der Wiener Ringstrasse zu erarbeiten. Er entwirft ein «Kaiserforum», das aber nur teilweise realisiert wird. Nach seinen Plänen entstehen das >Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum.

 

Semper gilt auch als der Schöpfer des Wiener >Burgtheaters, aber dieses realisiert er nicht allein. Er plant nur den Grundriss, für die Fassade und die Vollendung ist Carl Freiherr von Hasenauer verantwortlich. Der Bau im Stil der italienischen Hochrenaissance dauert vierzehn Jahre.

 

Bereits 1876 zieht sich Semper – inzwischen 73 und gesundheitlich angeschlagen – aus dem Projekt (und im Streit mit Hasenauer) zurück und zieht nach Rom. Dort stirbt er 1879 im Alter von 75 Jahren. Er ruht auf dem Friedhof des Römer Quartiers Testaccio.

 

 

 

 

   
   
   

 

 

 

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