Kartause Ittingen, Kunstmuseum Thurgau:
«Frauen erobern die Kunst», 25.4.-18.10.2020

 

Frauen erobern die Kunst.


Frauen wollten schon immer auch Künstlerinnen sein, aber die Männerwelt hat ihnen das Leben schwer gemacht. Sie bekamen jahrhundertelang Sätze wie «die können das nicht» bis zu «Frauen gehören an den Herd» zu hören. Man versperrte ihnen den Zugang zu Ausbildungsstätten und hinderte sie daran, ihre künstlerischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Einzelne schafften es dennoch – allerdings nur jene, die aus reichem Haus waren und nicht von der Kunst leben mussten. Anerkennung erhielten aber auch sie nicht. Doch die Frauen gaben ihren Kampf nie auf.

 

Im 20. Jahrhundert begannen sie sich langsam durchzusetzen und nach dem Zweiten Weltkrieg erreichten sie endlich einen – annähernd – gleichberechtigten Stand.

 

 

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Ausstellungsplakat.

 

 

Die Ausstellung im Kunstmuseum Thurgau zeichnet die Entwicklung der Künstlerinnen zwischen 1880 und 1980 auf. Sie zeigt eine erstaunliche Fülle hochwertiger Werke von Malerinnen und Bildhauerinnen aus der Ostschweiz, deren Namen – mit Ausnahmen – nur wenigen bekannt sind.

 

Was ins Auge sticht: «Frauenkunst» hebt sich von der «Männerkunst» nicht wirklich ab. Sie erweist sich qualitativ auf dem selben Level – und von den in der Ausstellung vorgestellten Werken ist kein einziges darunter, das man als «Frauenkunst» erkennen könnte oder das sich von «Männerkunst» abgrenzen würde. Nicht einmal die Akte heben sich von denen ihrer männlichen Kollegen ab: auch sie zeigen nur nackte Frauen, keine nackten Männer.

 

 

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt)
Charlotte Kluge-Fülscher (1929-1998).

Ohne Titel, 1987. Kunstmuseum Thurgau.

 

 

 

 

 

 

 

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Mathilde van
Zùylen-Ammann (1842-1914). Selbstbildnis,
1870.
Kunstmuseum Thurgau.

Mathilde van Zùylen (1842-1914).

Sie ist der Prototyp der reichen Tochter, die nicht nur eine erstklassige Ausbildung erhält, sondern sich auch künstlerisch betätigen darf. Geboren wird sie als Mathilde Ammann. Ihr Vater gehört zu Thurgaus High Society und verkehrt auch mit dem gleichaltrigen Prinz Louis Napoleon. >mehr

 

Ihre Ausbildung zur Künstlerin bekommt sie in einem «Damenatelier» der Weimarer Akademie und in Privatstunden bei Karl Gussow. 1870 heiratet sie den Freiherrn van Zùylen, der aber ein paar Wochen nach der Hochzeit verstirbt. Als junge Witwe kehrt sie in den Thurgau zurück. Um die Jahrhundertwende bildet sich um sie eine Künstlerkolonie. Sie malt hauptsächlich Porträts von Familienmitgliedern und Bekannten – vorwiegend zu ihrem Vergnügen. Geld muss sie mit ihrer Kunst nicht verdienen.

 

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Martha Haffter (1873-1951). Frauenakt, ohne Jahr. Kunstmuseum Thurgau.

Martha Haffter (1873-1951).

Auch sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und lebt in einer noblen Villa in Frauenfeld – ihr Vater ist Regierungsrat. Am Anfang ihrer Karriere als Künstlerin stehen Zeichnungskurse am Technikum in Winterthur. Erst mit 26 Jahren belegt sie Kurse an der «Damenakademie» in München, 1902 folgt eine Ausbildung an der «Malschule für Damen» in Basel bei Fritz Burger, danach zieht sie nach Paris an die Akademien Julian und Grande Chaumière.

 

Ab 1905 beteiligt sie sich regelmässig an Nationalen Kunstausstellungen und zeigt ihre Werke auch am Salon de Paris. Das alles klingt nach einer professionellen Karriere – dennoch hat sie in der Schweizer Kunstgeschichte nur wenig Spuren hinterlassen.

 

 

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Helen Dahm (1878-1968). Selbstporträt als Malerin, 1927. Kunstmuseum Thurgau.

 

Helen Dahm (1878-1968).

Auch sie hat ihre Wurzeln im Thurgau: Sie kommt 1878 in Egelshofen zur Welt, einem Ortsteil von Kreuzlingen. 1897 zieht sie nach Zürich, dann nach München. Dort studiert sie an der Akademie der Bildenden Künste und kommt mit dem Expressionismus und den  >Blauen Reitern in Kontakt. Sie führt ein sehr bewegtes Leben und folgt einem indischen Guru nach Mumbai.

 

Als Frau hat sie es schwer in der Kunst, lange wird sie als Malerin nicht anerkannt. Aber dann kann sie 1954 als erste Frau überhaupt den Zürcher Kunstpreis entgegennehmen, da ist sie schon 76 Jahre alt. Heute zählt sie zu den bekanntesten Schweizer Künstlerinnen.

 

>mehr über Helen Dahm

 

   

grieder

Friedel Grieder-
Schweighauser
(1890-1980).
Kleine Stehende
mit erhobenen
Händen, 1937.
Privatbesitz.

Friedel Grieder (1890-1980).

Sie kommt 1890 als Ida Schweighauser in Bottmingen bei Basel zur Welt. 1913 heiratet sie den Transportunternehmer Ernst Grieder, dessen Geschäft in Kreuzlingen aber im Ersten Weltkrieg bankrott geht. Von ihren drei Kindern sterben zwei früh, was sie aus der Bahn wirft. Sie kommt in psychologische Behandlung. Ihr Arzt erkennt während der Kunsttherapie ihr Talent und verschafft ihr den Kontakt zum ETH-Professor Hans Gisler. In dessen Atelier lernt sie Aktzeichnen und Modellieren.

 

1931 eröffnet sie ihr eigenes Atelier in Kreuzlingen. In Paris nimmt sie beim Rodin-Schüler Charles Despiau Unterricht, danach in Bremen bei Ernst Gorsemann. Zurück in Kreuzlingen gibt sie selbst kunsttherapeutische Kurse.

 

Viele ihrer Plastiken gehören heute zum Stadtbild von Kreuzlingen.

 

kluge

Charlotte Kluge-Fülscher (1929-1998). Traumhäuser,
9. Juli 1961. Kunstmuseum Thurgau.

 

Charlotte Kluge-Fülscher (1929-1998).

Sie wächst bei Amriswil auf und möchte wie ihr Grossvater Bildhauerin werden. Von 1946 an besucht sie die Kunstgewerbeschule Zürich – schliesst diese aber als Grafikerin ab. In Florenz bildet sie sich weiter und hat 1961 ihre erste Einzelausstellung in Frauenfeld.

 

Ihr Werk umfasst Gemälde, karikaturenhafte Federzeichnungen, Gebrauchsgrafiken und Wandteppiche. Schon früh stellt sie ihre Kunst in die Dienste der Natur – sie will die Menschen dafür sensibilisieren.

 

Das Kunstmuseum Thurgau ist im Besitz von 450 Arbeiten der Künstlerin.

 

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Ausstellung «Frauen erobern die Kunst»

 

   
   

 

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