Otto Freundlich (1878-1943)


Er ist einer der ersten Vertreter der abstrakten Kunst. Geboren 1878 im Nordosten Deutschlands (Pommern, heute Polen), zieht er 1908 nach Paris. Dort wohnt er in der berühmten Künstlerabsteige «Bateau-Lavoir» in Montmartre, wo auch die jungen Georges Braque und Pablo Picasso leben. Seine ersten abstrakten Kompositionen entstehen ab 1911.

 

Vor Beginn des Ersten Weltkriegs kehrt er nach Deutschland zurück und wird Sanitätssoldat. Bereits 1916 schliesst er sich der Antikriegsbewegung an. Noch vor Kriegsende wird er aus dem Dienst entlassen – weil er schwerhörig geworden ist. Nach dem Krieg gehört er zu den Gründern der revolutionären Künstlervereinigung «Novembergruppe». Diese hat bis zu 170 Mitglieder und existiert von 1918-1933. Nach der Machtübernahme Hitlers wird sie aufgelöst.

 

1924 zieht Otto Freundlich nach Paris um. Dort tritt er 1931 in die neu gegründete Künstlerorganisation «Abstraction-Création» ein. Und arbeitet an seinen literarischen Werken, u.a. «Die Wege der abstrakten Kunst». Mit seiner Lebensgefährtin Jeanne Kosnick-Kloss betreibt er eine Kunstschule. Beide werden Mitglied der «Association des Ecrivains et Artistes Révolutionnaires».

 

Während der Nazi-Diktatur wird Otto Freundlich als «entarteter Künstler» gebrandmarkt – und als Jude verfolgt. Seine Werke werden aus den deutschen Museen entfernt. Zu Beginn des Zweiten Welkriegs interniert man ihn in Frankreich. Picasso setzt sich für ihn ein, erreicht seine Freilassung. Freundlich flieht nach Saint-Paul-de-Fenouillet in die Pyrenäen, wo er sich zunächst sicher fühlt, weil dieser Teil Frankreichs zum Vichy-Regime gehört. Ein Versuch, in die USA zu gelangen, misslingt. Schliesslich wird er von französischen Kollaborateuren denunziert. Im Februar 1943 verhaften ihn die Nazis und deportieren ihn – zusammen mit weiteren 1000 Juden – nach Osten. Wie er stirbt, ist nicht gesichert. Entweder schon auf dem Transport oder dann in einem der Vernichtungslager, Majdanek oder Sobibor.

 

 

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Otto Freundlich, 1942, kurz vor seiner
Verhaftung durch die Nazis in den
Pyrenäen. Quelle: Kunststiftung
Ludwig, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

kopf

Abstrakt – aus vielen Strömungen kombiniert.

Vor allem in seinen Pariser Kontakten ab 1908 lernt Otto Freundlich Künstler und Werke der gesamten Avantgarde kennen. Er befasst sich mit Kubismus, Fauvismus, Expressionismus, Orphismus, De Stijl – und schöpft daraus seine abstrakten Werke. Das sind Gemälde, Mosaike, Skulpturen und Glasmalereien. Bild: Der Kopf, 1911.

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Die revolutionäre «Novembergruppe» 1918.

Zeitgleich mit den politischen Revolutionen formen 170 Berliner Künstler die «Novembergruppe». Otto Freundlich ist ein Gründungsmitglied. Die Gruppe bezeichnet sich als «radikal und revolutionär». Ihren Malstil nennt sie «Kubofutoexpressionismus», eine Zusammenfassung von Kubismis, Futurismus und Expressionismus. Die Nationalsozialisten schimpfen die Mitglieder Bolschewisten und verurteilen die abstrakte Kunst. 1933 lässt Hitler die Gruppe auflösen. Bild: Komposition, 1919.

 

hommage

1938: Hommage an die farbigen Völker.

Ziemlich mutig, in der Nazizeit ein solches Thema anzupacken, wo man doch den «germanischen Herrenmenschen» hätte verherrlichen sollen – natürlich nicht in abstrakter Form. Bild: Otto Freundlich, Hommage an die farbigen Völker, 1938. Musées de Pontoise.

 

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Otto Freundlich und die «entartete» Kunst.

Eines seiner bekanntesten Werke ist die 1.4 Meter hohe Gipsfigur «Grosser Kopf» von 1912. Ihre Form erinnert an die Steinköpfe der Osterinseln. 1937 wird die Plastik im Zuge der Aktion «Entartete Kunst» von den Nazis beschlagnahmt und in der gleichnamigen Ausstellung in München gezeigt.

 

«Der grosse Kopf» ziert auch den Cover des Ausstellungsführers. Um den jüdischen Künstler noch weiter zu diffamieren, erfanden die Nazis auch gleich einen neuen Namen für die Plastik. Sie heisst jetzt «Der neue Mensch». Und im Begleittext liest sich das dann so: «...findet sich auch «Der neue Mensch», wie ihn sich Jud Freundlich erträumt hat».

 

Die Plastik ist verschollen, vermutlich wurde sie zerstört. Im Jüdischen Museum Berlin ist heute für diese Figur ein «Schwarzer Fleck» ausgestellt, als Symbol für die Zerstörung von Kunstwerken durch die Nazis.

plastik

 

Weitere Werke: Sonderausstellung

im Kunstmuseum Basel 2017

10. Juni bis 10. September.

   
   

 

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