Wie Michelangelos Madonna
nach Brügge kam.


Es soll die einzige Skulptur Michelangelos sein, die zu seinen Lebzeiten Italien verlassen hat. Wie kam das? Eigentlich war die «Madonna mit Kind» für den Hochaltar der Domkirche in Siena bestimmt. Der grosse Meister hatte den Auftrag von Kardinal Francisco Piccolomini (1439-1503) bekommen. Der Kardinal wurde später sogar Papst, aber leider etwas zu spät. Erst im September 1503. Einen Monat später starb er – als Papst Pius III. Und die von ihm bestellte «Madonna mit Kind» erlebte er nicht mehr.

 

Michelangelo Buonarroti (1475-1564) führte die Arbeit trotzdem aus. 1505 war das feine Werk aus Carraramarmor vollendet. Und er fand dafür einen Käufer. Den Brügger Kaufmann Alexandre Mouscron. Bis zur Verschiffung verging noch ein Jahr. Die schöne Madonna kam zunächst bei der Familie Mouscron unter. Dann, 1514, stiftete sie Alexandre Mouscron der Liebfrauenkirche in Brügge.


300 Jahre später: In den Wirren der französischen Revolution wird das begehrte Kunstwerk von Brügge nach Paris entführt. Als dann Napoleon als Kaiser abgesetzt ist, 1815, kehrt die Madonna wieder heim nach Brügge.

 

Aber dann erleidet sie das gleiche Schicksal nochmals. Diesmal, 1944, sind es die Nazis, die das Werk «beschlagnahmen», wie das damals hiess. In einem stillgelegten Bergwerk in Altaussee (Österreich) wird es eingelagert. Es hätte später in Linz ausgestellt werden sollen – im von Hitler geplanten Führermuseum. Soweit kommt es aber nicht. Die Alliierten finden das Versteck und sorgen dafür, dass die Madonna nach Kriegsende 1945 wieder an ihren alten Platz in der Liebfrauenkirche zu Brügge zurückkehren darf.

 

 

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Michelangelos Madonna im Zentrum des
Altars, flankiert von zwei Figuren unbekannter
Künstler. Das Gemälde oben aus dem Jahr
1562 zeigt eine Szene aus dem «Letzten
Abendmahl».

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Liebfrauenkirche zu Brügge.

Auf flämisch heisst sie «Onze-Lieve-Vrouwekerk», auf französisch ist es die «Notre-Dame»... Erbaut im 13. Jahrhundert. Der 122 Meter hohe Turm kam 1320 dazu. Ausstattung: Überdurchschnittlich reich. Michelangelos «Madonna mit Kind» ist die unbestrittene Hauptattraktion. Aber auch Gemälde grosser flämischer Maler und die prunkvollen Särge von Karl dem Kühnen und der Maria von Burgund locken Besucher an.

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Der gesenkte Blick der schönen Madonna.

Michelangelo hat das 1.28 m grosse Kunstwerk aus Carraramarmor nicht signiert. Trotzdem sind sich die Kunstexperten einig, dass die Brügger Madonna von ihm stammt. Zumal sie in einem Brief des Meisters an seinen Vater von 1506 erwähnt wird. Im Schreiben bittet er ihn, die Statue zuhause unter Verschluss zu halten. Weiter fand man einen Beleg für den Transport der Skulptur von Lucca über Viareggio nach Brügge an die Adresse des Käufers Alexandre Mouscron.

 

Maria sitzend, das Jesuskind stehend – etwas ganz besonderes. Und auch die niedergeschlagenen Augenlider sind speziell. Michelangelo ist aber nicht der «Erfinder» dieses nach innen gerichteten Blickes, das war Leonardo da Vinci.

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Die Omega-Falte.

Sowohl bei der – noch berühmteren – Pietà im Petersdom als auch bei der Brügger Madonna ist sie zu sehen: Die Drapierung der Kopfbedeckung in Form des griechischen Buchstabens Omega(Ω). Dieser spezielle Faltenwurf kommt auch bei Boticellis «Geburt der Venus» vor. Die musste allerdings nur gemalt werden. Sie in weissen Marmor zu meisseln dürfte etwas schwieriger sein.

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Die Prunksärge von Karl dem Kühnen.

Der Herzog von Burgund fiel 1477 in der Schlacht von Nancy. Kaiser Karl V liess den Leichnam erst Jahrzehnte später nach Brügge überführen. Die Prunksärge wurden 1562 in Auftrag gegeben, von Philipp II. An den Sitrnseiten sind Gedenktafeln angebracht, die Seitenwände werden von emaillierten Wappenbildern geschmückt.

 

...und Maria von Burgund.

Die Tochter von Karl dem Kühnen starb sehr jung bei einem Jagdunfall 1482. Wie ihr Vater wird sie auf ihrem Sarkophag in liegender Position abgebildet, mit gefalteten Händen zum Himmel gestreckt.

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Fotos / Diashow

 

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Die Brügger Madonna im Film.

Im amerikanischen Spielfilm «Monuments Men» (mit Matt Damon und George Clooney) spüren die US-Boys Raubkunst auf und geben diese ihren rechtsmässigen Besitzern zurück. Die Brügger Madonna spielt dabei eine wichtige Rolle. Ebenso der berühmte >Genter Altar.

 

   

 

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