Ausstellung Balthus. Fondation Beyeler, Riehen.

2. September 2018 bis 1. Januar 2019.

 

Balthus (1908-2001).


Mit richtigem Namen heisst er Balthasar Klossowski. Er kommt am 29. Februar 1908 – ein Schaltjahr – in Paris zur Welt. Sein Vater ist Kunsthistoriker und polnischer Abstammung, die Mutter eine deutsche jüdische Künstlerin. Kunst wird ihm also buchstäblich in die Wiege gelegt. Als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht, muss die Familie Klossowski Paris verlassen, sie zieht nach Berlin. 1916 übersiedelt die Mutter (Elsa) mit ihren beiden Söhnen in die Schweiz. In Genf besucht Balthasar das Gymnasium.

 

Mutter Elsa, die sich nun Baladine nennt, wird zur Muse und Geliebten des Schriftstellers Rainer Maria Rilke. Dieser erkennt früh Balthasars künstlerisches Talent und fördert ihn. 1924 zurück in Paris begeistert sich der 16-jährige Balthasar für Alte Meister wie Poussin und kopiert deren Werke im Louvre.

 

1930 verliebt sich Balthus in die Bernerin Antoinette de Watteville, die für ihn ein wichtiges Modell wird. 1934 bekommt er in Paris seine erste Einzelausstellung. Darunter sind drei Werke, die einen Skandal auslösen: La Rue, La Toilette de Cathy und – vor allem – La Leçon de Guitare. Diese erotisch geprägten Skandalbilder machen Balthus auf einen Schlag berühmt. 1938 zeigt er seine Werke zum ersten Mal in den USA – in der Galerie Pierre Matisse (ein Sohn von Henri Matisse).

 

 

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Balthus und Antoinette de Watteville, 1946, Siders im
Wallis. Foto©Fonds Balthus.

 

Als 1940 Paris besetzt wird, flieht Balthus mit seiner Antoinette – die er 1937 geheiratet hat – vor den Deutschen. Zuerst nach Savoyen, dann 1942 weiter in die Schweiz nach Bern, Fribourg und Genf. Nach dem Krieg kehrt Balthus erneut nach Paris zurück – aber ohne Antoinette und ohne seine zwei Söhne Stanislas und Thadée.

 

1953 bezieht er im Burgund ein Schloss – das Château de Chassy. Dank Unterstützung durch seine Förderer Pierre Matisse, Claude Hersaint und Alix de Rothschild kann er sich das leisten. Und weil er einer polnischen Adelsfamilie angehört, trägt er nun den Titel eines «Grafen Klossowski de Rola».

 

Auf einer Japanreise lernt er Setsuko Ideta kennen, die sein Modell und seine Lebenspartnerin wird. 1967 heiraten die beiden. Sie beziehen ein Schloss in Viterbo bei Rom: das Castello di Montecalvello.

 

1977 zieht Balthus mit Setsuko und Tochter Harumi in die Schweiz. Hier leben sie in einem imposanten «Grand Chalet» aus dem 18. Jahrhundert im waadtländischen Rossinière. Er ist jetzt knapp siebzig.

 

 

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Balthus mit Setsuko und Harumi im Grand Chalet in
Rossinière (Kt. Waadt), 1995. ©Keystone.
Magnum Photos. Bruno Barbey.

 

 

1983 widmen ihm gleich zwei ganz grosse Museen eine Retrospektive: Das Centre Pompidou in Paris und das Metropolitan Museum of Art in New York.

 

Balthus stirbt am 18. Februar 2011 im Alter von fast 93 Jahren im Grand Chalet in Rossinière.

 

 

 

 

Titelbild (Ausschnitt):

Balthus (1908-2001). Thérèse rêvant, 1938. Metropolitan Museum of Art New York.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Muss man diese Ausstellung sehen?

Ja. Auch wenn Balthus' Malkunst nicht jedermanns Sache ist. Seine erotisch-obszönen Darstellungen, die 1934 in Paris für rote Köpfe sorgten, sind bis heute Gesprächsstoff. Und besonders jetzt, wo die weltweite #MeToo-Kampagne läuft und das Thema sexuelle Übergriffe an Dynamik gewonnen hat. Wer sich zu Balthus' Skandalbildern ein eigenes Bild machen will, der ist an dieser Ausstellung richtig.

 

Und wer wissen möchte, welche Gedanken sich der Künstler zu seinen Werken gemacht hat, der findet Antworten im kleinen Buch «Balthus in Paris – die erste Ausstellung 1934». Von Rose-Maria Gropp, erschienen im Verlag Schirmer/Mosel. Erhältlich im Buchshop der Fondation Beyeler.

 

Der Skandal von Paris, 1934.

An seiner ersten Einzelausstellung in Paris zeigt Balthus drei Werke, die für Aufruhr sorgen. Das eine ist ein vergleichsweise harmloses Aktbild, aber die beiden anderen liefern – bis heute – Stoff für Diskussionen und ganze Vortragsreihen.

 

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La Toilette de Cathy, 1933. Centre Pompidou Paris.

 

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La Rue, 1933.
Foto Kunstdruck, Fondation Beyeler Riehen.

 

 

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La Leçon de Guitare, 1934. Foto aus dem Buch «Balthus in Paris» @Verlag Schirmer/Mosel.

La Toilette de Cathy, 1933.

Dieses Bild malt Balthus zu einer Zeit, als er immer noch um Antoinette wirbt und sich nicht sicher ist, ob sie seine Liebe erwidern wird. Er schickt ihr eine Fotografie davon und schreibt dazu: «...ich zögere, vielleicht aus Schamgefühl, ob ich es dir schicken soll». Die Nackte zeigt Züge seiner angebeteten Antoinette, und der junge Mann, abgekehrt von der Szene und zweifelnd, ist der Künstler selbst.

 

La Rue, 1933.

Für den Skandal sorgt das Motiv links aussen. Ein Junge, der ein Mädchen umarmt? Nein, nicht diese an der Ausstellung gezeigte Version, sondern das 1933 gemalte Original. Dort fasst der Junge an die Scham des Mädchens. Das geht dem Besitzer des Bildes zu weit. Er bittet Balthus um eine Korrektur, damit das Gemälde in den USA gezeigt werden kann. Balthus macht daraufhin aus der obszönen Geste eine Umarmung. >mehr

 

La Leçon de Guitare, 1934.

Balthus' Ikone des Anstosses schlechthin (an der Ausstellung in der Fondation Beyeler nicht zu sehen). Das Bild sorgt 1934 in Paris für Aufruhr und Skandal. Es wechselt x-fach den Besitzer, keiner will sich an ihm die Finger verbrennen. Erst Pierre Matisse getraut sich, es 1977 in New York in seiner Galerie zu zeigen. Er druckt das Bild in seinem Katalog ab... und hat volles Haus. Nach der Ausstellung will er das Werk dem MoMA stiften, doch die gestrenge Frau Rockefeller lehnt das Geschenk ab. Heute gehört die obszöne Gitarrenstunde den Erben des griechischen Reeders und Kunstsammlers Stavros Niarchos, der 1996 in Zürich verstarb.

 

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La jupe blanche, 1937. Foto ab Kunstdruck der Fondation Beyeler, Riehen.

1937: La Jupe blanche.

Eines von neun Porträts, die Balthus von seiner Antoinette de Watteville malt. Sie stammt aus einer angesehenen und wohlhabenden Familie, der Künstler damals noch mittellos. Er muss ihr lange den Hof machen, bis sie ihn 1937 heiratet. Als Paar leben die beiden bis 1946 zusammen und haben zwei Söhne, Stanislas und Thadée. 1946 zieht Balthus ohne die drei wieder nach Paris.

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Metropolitan Museum of Art New York.

1938: Thérèse rêvant.

Eines der meistbeachteten Bilder der Ausstellung. Balthus hat eine Schwäche für Abbildungen junger Mädchen an der Schwelle zum Erwachsensein. Strahlt seine Thérèse kindliche Unbekümmertheit aus, oder ist es verführerische Erotik? Als das Bild im Museum of Art in New York gezeigt wird, löst es Diskussionen aus. In einer Petition wird die Abhängung verlangt. Die Fondation Beyeler bietet ein spezielles «Vermittlungsprogramm» an – die Diskussion ist noch nicht an ihr Ende gekommen.

 

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Les Trois Soeurs, 1955. Coleccion Patricia Phelps de Cisneros.

1955: Les Trois Soeurs.

Es handelt sich um die drei Töchter von Balthus' Galeristen Pierre Colle, der zu dieser Zeit bereits nicht mehr lebte. Die elegant gekleideten Frauen in einem gutbürgerlichen Ambiente haben keinen Bezug zu einander, sie gehen ganz verschiedenen Tätigkeiten nach. Künstlerisch interessant sind die perfekt kontrastierenden Farben ihrer Kleider.

 

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Centre Pompidou Paris.

1965: La Chambre turque.

Balthus malt es zu einer Zeit, als er Direktor der Académie de France in Rom war und in der Villa Medici lebte. Balthus' zweite Frau, die japanische Malerin Setsuko Ideta, hat als Modell die Pose der Venus eingenommen. Die Maltechnik (Tempera und Kasein) erinnert stark an die Freskenmalerei der Renaissance.

 

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Fotos Ausstellung

 

   
   

 

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