Ausstellung «Caspar David Friedrich
und die Vorboten der Romantik» im
Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten
vom 26.8. bis 19.11.2023.

 

 

Caspar David Friedrich (1774-1840)
und die deutsche Romantik


Gibt es das, deutsche Romantik? Und wie grenzt sie sich von der französischen und englischen ab? Darüber streiten sich die Kunsthistoriker seit je. Einig ist man sich darüber, dass die >Romantik in der Malerei ungefähr von 1800/1820 bis 1850 dauerte. Und dass sich damit eine neue Kunstauffassung durchzusetzen begann, welche die vorausgegangene Epoche der Aufklärung ablöste.

 

 

Caspar David Friedrich um 1806.

Von Gerhard von Kügelgen (1772-1820).

Kunst Museum Winterthur.

 

 

Die Aufklärung im 18. Jahrhundert war auf Wissenschaft und Vernunft aufgebaut. In der Romantik begann man nun, sich für Gefühle, Geist und Seele zu begeistern. In der deutschen Romantik übernimmt das Mittelalter wieder das Szepter. Man bezieht sich auf alte deutsche Märchen und entdeckt deren Symbolgehalt neu.

 

Caspar David Friedrich ist der wichtigste Exponent der deutschen Romantik. Dieser zieht nun auch göttliche Elemente in die Betrachtungen von Natur und Mensch mit ein.

 

Auf seinem künstlerischen Höhepunkt in den 1810er-Jahren wird er Mitglied der Königlichen Kunstakademie. Seine Werke finden Abnehmer bei höchsten Stellen wie dem Preussischen König oder dem russische Zaren.

 

Doch im Laufe der folgenden Jahre kühlt sich die Begeisterung für ihn ab und ehemalige Förderer wie Goethe beginnen seine Kunst zu kritisieren. Mit Blick auf die aufkommende Strömung des >Realismus empfindet man Friedrichs Kunst mehr und mehr gekünstelt und rührselig. Das hat zur Folge, dass er nach seinem Tod 1840 fast völlig in Vergessenheit gerät. Erst um 1900 herum wird er «wiederentdeckt». Zunächst vom norwegischen Kunsthistoriker Andreas Aubert, dann vor allem 1906 an der «Jahrhundertausstellung deutscher Kunst» in Berlin.

 

Heute ist Caspar David Friedrich der Star der deutschen Romantik. Das Interesse an seinen Werken ist so hoch wie nie. Die Ausstellung in Winterthur war denn auch so gut besucht wie lange keine andere mehr.

 

 

 

>Kurzbiographie Caspar David Friedrich

 

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Kunst Museum Winterthur
Reinhart am Stadtgarten

 


Ein Jahr vor seinem 250. Geburtstag feiert das
Kunst Museum Winterthur den grossen Romantiker mit einer Jubiläumsschau. Die Ausstellung entsteht in Kooperation mit dem Museum Georg Schäfer in Schweinfurt und ist eine der bedeutendsten
Winterthurer Ausstellungen der letzten Jahre.

 

Sie fand vom 26.8. bis 19.11.2023 statt und wurde mit einem überdurchschnittlichen Publikumszuspruch belohnt. Schlangestehen vor dem Billetschalter – das gab es hier bisher eher selten.

 

 

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Titelbild (Ausschnitt)

Caspar David Friedrich (1774-1840).
Hafen bei Mondschein, 1811. Kunst Museum
Winterthur Reinhart am Stadtgarten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aert van der Neer (1603-1677). Kanallandschaft im Mondschein, 1650. Museum Heylshof, Worms.
 

Philipp Jakob Loutherbourg d.J. (1740-1812). Soldaten bei der Rast, 1763. Kunstmuseum Basel.

 

Adrian Zingg (1734-1816). Die Hasenburg in Böhmen, 1770. Staatliche Kunstsammlungen Dresden.

 

Die Vorboten der Romantik

 

Caspar David Friedrich hatte gute Gründe, nach seinem Studium in Kopenhagen nach Dresden zu ziehen, denn dort fand er eine reiche Sammlung an Gemälden vor, die der Sohn des kunstsinnigen Kurfürsten August der Starke >Friedrich August II (1696-1763) in halb Europa zusammen gekauft hatte. Dieser sammelte auch niederländische Kunst, zu deren Spezialitäten vor allem die Landschaftsmalerei zählt.

 

An ihnen konnte Friedrich das Meer, tiefe Horizonte, den Einsatz von Wolken, Vollmonde und Stimmungen studieren – wie im Beispiel des niederländischen Barockmalers Aert van der Neer (1603-1677), der vornehmlich in Amsterdam tätig war.

 

Auch der französisch-britische Maler Philippe-Jacques de Loutherbourg (1740-1812) prägte mit seinen dramatischen Landschaften, die oftmals Zwielicht- und Nachtszenen zeigen, eine vorromantische Bildsprache.

 

Einen ganz direkten Einfluss auf den jungen Friedrich hatte auch das Werk des gebürtigen St. Gallers Adrian Zingg (1734-1816), der 1766 nach Dresden berufen worden war. Zingg förderte nicht zuletzt die Entdeckung der heimatlichen Landschaft.

 

Zingg begründete mit seinen grossformatigen
Sepia-Zeichnungen
auch eine Technik, die Friedrich am Anfang seiner Karriere ebenfalls verfolgte. Mit solchen Arbeiten schaffte sich Friedrich seine ersten Einnahmequellen.

 

 

>Fotogalerie: Vorboten der Romantik

 

 

 

Caspar David Friedrich – wichtige Highlights

 

Caspar David Friedrich (1774-1840). Wanderer über dem Nebelmeer, 1817. Hamburger Kunsthalle.

 

 

Der Wanderer über dem Nebelmeer

 

Eine Ikone der romantischen Malerei und Friedrichs berühmtestes Gemälde – für einmal im Original in Winterthur sehen. Was stellt es dar? Friedrich selbst war ein begeisterter Wanderer und häufig im Riesengebirge unterwegs. Immer wieder wird versucht, dieses Bild zu interpretieren. Hat es eine allegorische Bedeutung? Ein Mensch auf einem Berggipfel. Er hat sein Ziel erreicht, sein Blick richtet sich auf die Welt vor ihm. Oder in die Zukunft? In die Weite, den Abgrund? Typisch für Friedrich ist, dass er den Mann von hinten abbildet. Damit kann sich der Betrachter in ihn hinein versetzen.

 

Der Wanderer trägt die sogenannte «altdeutsche Tracht», die damals aus politischen Gründen verboten war. Sie könnte also als politisches Statement des Künstlers gedeutet werden.

 

 

Caspar David Friedrich (1774-1840). Kreidefelsen auf Rügen, 1818. Kunst Museum Winterthur Reinhart am Stadtgarten.

 

 

Caroline an den Kreidefelsen von Rügen.
 

 

 

Ist es das Hochzeitsbild?

 

Zunächst zu den Fakten: Am 21. Januar 1818 heiratet Friedrich im Alter von 42 Jahren die rund zwanzig Jahre jüngere Caroline Bommer. Im August 1818 reist Friedrich nach Stralsund, um dort mit den Stadtbehörden über eine Arbeit in der Marienkirche zu verhandeln. Seine Frau begleitet ihn. Die beiden reisen auch auf die Insel Rügen. Das Bild ensteht im September 1818.

 

Die Idee mit dem «Hochzeitsbild» entwirft der Kunsthistoriker Jens Christian Jensen (1928-2013) erst viel später. Er sieht den am Baum lehnenden Mann als Friedrich in jüngeren Jahren und den am Boden Kriechenden als eine zwischen den beiden Eheleuten vermittelnde Person. Jensen ortet also Beziehungsprobleme schon im Jahr der Hochzeit. Eine etwas gewagte These. Immerhin blieb das Paar bis zu Friedrichs Tod 1840 zusammen und hatte drei Kinder, die Töchter Emma (1819), Agnes (1823) und Sohn Gustav Adolf (1824).

 

Was auch eher gegen die These «Hochzeitsbild» spricht: Es gab nicht einmal eine Hochzeitsfeier und im frühen 19. Jahrhundert waren Hochzeitsreisen noch keineswegs üblich.

 

 

Caspar David Friedrich (1774-1840). Die Kathedrale, 1818. Museum Georg Schäfer Schweinfurt.

 

 

Gruppe von Engeln, ev. gemalt von Caroline Friedrich.

 

Die Kathedrale

 

Eigentlich ist es eine Vision – aber der Künstler orientiert sich an bestehenden Kirchenfassaden – hier möglicherweise am Meissner Dom.

 

Der Regenbogen, der die Gruppe der Engel abgrenzt, ist ein altes Symbol der Versöhnung Gottes mit den Menschen. Hinzu kommen mehrere christliche Symbole wie die Sonne in der Kreuzmitte, das Dreieck als Zeichen der Dreifaltigkeit und das Passionskreuz mit dem Chor von Engeln. All diese religiösen Symbole unter einer «in himmlischen Sphären schwebenden Kathedrale» machen das Bild zu einer Apotheose der christlichen Kirche.

 

Man geht davon aus, dass die Engelschar nicht vom Künstler selbst gemalt wurde, sondern von seiner Ehefrau Caroline.

 

Das Bild ist wahrscheinlich ein unvollendetes Werk, denn es finden sich an einigen Stellen sichtbare Vorzeichnungen in Bleistift. Vermutlich wurde es auch nicht verkauft. Im Nachlassverzeichnis findet sich ein Eintrag, der ein «angefangenes Bild mit einem Kruzifix» und «goldenem Rahmen in Spitzbogenform» erwähnt. Der goldene Rahmen war in den 1960er-Jahren entfernt worden und wurde erst jetzt für die Ausstellung in Winterthur nach alten Fotos wieder neu hergestellt.

 

 

Caspar David Friedrich (1774-1840). Mann und Frau in Betrachtung des Mondes, 1824. Nationalgalerie Berlin.

 

Mann und Frau betrachten den Mond

 

Die kontemplative Betrachtung der Natur gehört zu den Leitmotiven des Künstlers. Anders als beim Wanderer über dem Nebelmeer ist hier aber nicht ein Individuum, sondern ein Figurenpaar Mann und Frau in Betrachtung versunken.

 

Von diesem Bild existiert auch eine Version mit zwei Männern. Diese schenkt Friedrich seinem guten Freund Johann Christian Dahl, der es zwanzig Jahre bei sich behielt. Dahl vermutete, dass das andere Werk «Mann und Frau» ein Geschenk Friedrichs an seine Frau Caroline war.

 

 

Caspar David Friedrich (1774-1840). Mondaufgang am Meer, 1822. Nationalgalerie Berlin.

 

Mondaufgang am Meer

 

Friedrich malt das Bild 1822. Es zeigt zwei Frauen und einen Mann auf einem Felsen am Meer sitzend. Sie blicken zum Mond in die Ferne, hin zu den beiden Segelschiffen. Eine romantische Nachtstimmung bei spärlichem Licht, die der Künstler gekonnt umsetzt und die viel Harmonie, vielleicht aber auch Melancholie verströmt. Typisch Caspar David Friedrich.

 

 

Caspar David Friedrich (1774-1840).
Segelschiff, 1815. Kunstsammlungen Chemnitz.

 

Caspar David Friedrich (1774-1840). Blick auf Greifswald, 1818. Detail. Museum Georg Schäfer Schweinfurt.

 

 

 

Segelschiffe

 

Dass Schiffe als Bildmotiv in Friedrichs Werken öfter auftauchen, hat einen guten Grund. Er ist von Kindheit an mit dem Meer und der Schifffahrt vertraut, wächst in unmittelbarer Nähe des Hafens von Greifswald auf.

 

Auch nach seiner Übersiedlung nach Dresden hat er solche Motive vor Augen – in der Elbschifffahrt. Für das Bild dieser gewaltigen dänischen Fregatte diente ihm vermutlich ein Schiffsmodell als Vorlage, das in seinem Atelier stand.

 

Schiffe sind für den Künstler Symbole für einen Aufbruch in die Zukunft oder für einen Lebensweg, manchmal auch für Hoffnung.

 

Diese Fregatte fährt aber nicht in die Zukunft, sondern kommt dem Betrachter entgegen. Das könnte etwas mit dem Jahr 1815 zu tun haben, in dem das Gemälde entsteht. Es ist das Jahr, in dem Napoleon besiegt und Dresden von der französischen Herrschaft befreit wird.

 

Es ist eine Zeit, die man mit grossen Hoffnungen für die Zukunft verbindet. Auch mit der Hoffnung, dass Deutschland zu einer Einheit wachsen könnte. Zu einer solchen kam es aber erst 1871.

 

 

 

 

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